Johann Gabriel Seidl

Der König und der Landmann

Der Landmann lehnt in der Hütt' allein,
Und blickt hinaus in den Mondenschein,
Und schaut empor zu des Königs Palast,
Er weiß nicht, welch ein Gefühl ihn faßt.

»Ach, wär' ich ein König nur eine Nacht,
Wie wollt' ich schalten mit meiner Macht,
Wie ging ich umher von Haus zu Haus,
Und teilte den Schlummernden Segen aus!

Wie strahlte dann morgens so mancher Blick
Die Sonne zum erstenmal hell zurück!
Wie staunten einander die Glücklichen an,
Und meinten: das hat ein Engel getan!« –

Der König lehnt im Palast allein,
Und blickt hinaus in den Mondenschein,
Und schaut hinab auf des Landmanns Haus,
Und seufzt in das weite Schweigen hinaus:

»Ach wär' ich ein Landmann nur eine Nacht,
Wie gern entriet ich der drückenden Macht,
Wie lehrt' ich mich selber die schwere Kunst,
Nicht irr zu gehen mit meiner Gunst!

Wie wollt' ich ins eigene Herz mir sehn,
Um wieder es offen mir selbst zu gestehn!
Was tausend Hände mir nicht vollbracht,
Das wollt' ich gewinnen in einer Nacht!« –

So schaun sie sinnend beim Sternenlauf
Der König hinunter, der Landmann hinauf;
Dann schließen beide den müden Blick,
Und träumen beide von fremdem Glück.