Johann Gabriel Seidl

Das Schlangenhalsband

›Es soll der Mensch sich,‹ wie geschrieben steht,
›Nicht eher austun, bis er schlafen geht.‹
Darin hat's eine Mutter einst versehn,
Und ist ihr deshalb arges Leid geschehn.

»Nimm alles,« sprach sie, »was ich habe, Sohn,
Solang' du hast, so hab' ich auch davon:
Denn du bist gut und fromm und treugesinnt;
Wem traut' ich besser als dem eignen Kind?«

Allein der gute, fromme, treue Sohn
Sprach nur zu bald der Lieb' und Sanftmut Hohn,
Und brach der Mutter ab an Seel' und Leib,
Und ward noch ärger durch ein arges Weib;

Und fuhr die Mutter an mit rauhem Wort,
Und trieb sie scheltend aus dem Hause fort,
Und ließ sie hilflos schmachten, wenn sie krank,
Und gab für Lieb' ihr kalten Spott zum Dank.

So saß er wohlbehaglich einst am Tisch,
Und becherte mit seinem Weibe frisch,
Und legte lüstern eben seine Hand
An ein gebratnes Hühnlein, so da stand.

Da pocht die Mutter an die Stubentür. –
»Die Alte führt der Kuckuck her zu mir!«
Und spricht zum Knecht: »Setz' in die Kiste dort
Das Huhn indessen, bis sie wieder fort!« –

Das tat der Knecht; da trat die Mutter ein:
»Laß mich, mein Sohn, nicht ganz vergessen sein;
Mich hungert sehr, erbarm dich meiner Not,
Nicht Liebe will ich, nur ein Stücklein Brot!« –

»Ei, laßt mit Eurem Betteln mich in Ruh'!« –
Der Knecht steckt heimlich ihr ein Krümlein zu;
Schimpfworte fallen, weinend wankt sie fort,
Und was sie stöhnte, war kein Segenswort.

»Die kommt mir,« höhnt der Sohn, »wohl nimmermehr!
Nun, Knecht, hol mir das Hühnchen wieder her!« –
Doch wie der Knecht den Kistendeckel hebt,
Da schreit er auf und springt zurück und bebt:

»»Herr, heb ein andrer dort die Schüssel auf,
Anstatt des Huhns liegt eine Schlange drauf!«« –
»Du bist ein Narr, pack' dich zum Henker fort!
Geh, Magd, und hol mir du das Hühnchen dort!« –

Doch wie die Magd den Kistendeckel hebt,
Da schreit sie auf und springt zurück und bebt:
»»Herr, heb ein andrer dort die Schüssel auf,
Anstatt des Huhns liegt eine Schlange drauf!«« –

Da springt der Sohn in wildem Eifer hin:
»Und läg' der Teufel drauf, so hol' ich ihn!«
Doch wie den Deckel von der Kist' er hebt,
Da schreit auch er und springt zurück und bebt.

Denn eine große Schlange schießt hervor,
Und ringelt sich um seinen Hals empor,
Und legt sich um die Schulter ihm wie Stein,
Und schnürt den Atem in der Brust ihm ein;

Und ißt mit ihm und trinkt mit ihm zur Wett',
Und wacht mit ihm und geht mit ihm zu Bett,
Und hebt den Kopf so wild und zischt so schrill,
Wenn er ihr Speis' und Trank verweigeru will.

Und will sie wer vom Hals herab ihm ziehn,
Um desto enger, kälter preßt sie ihn,
So daß er aufstöhnt atemlos und bang:
»Laßt, laßt! Ich muß sie tragen lebenslang!«

Und so wie der durchs Land, gezeichnet, schritt,
Trägt jeder böse Sohn sein Zeichen mit,
Ein Halsband, trotzend jeglichem Versuch,
Das Schlangenhalsband heißet: – »Elternfluch!«