Johann Gabriel Seidl

Die beiden Ringe

Zwei Ringe trag' ich an meiner Hand,
Ein Liebespfand und ein Freundschaftspfand;
Von Gold ist jener so fein und klar,
Doch dieser von schwarzem Eisen gar.

Den goldenen schmückt als Wappenschild
Ein Blütenkranz so freundlich und mild;
Den eisernen ziert als Schmerzsymbol
Ein Totenkopf so schaurig und hohl.

Als Liebchen scheidend den goldnen mir gab,
Da sprach es: »Trag ihn fort bis ans Grab;
So oft dir die Freud' ein Kränzlein flicht,
So blick auf den Ring und vergiß mein nicht!«

Als sterbend der Freund mir den eisernen gab,
Da sprach er: »Trag ihn fort bis ans Grab;
Und wenn dir die Sonn' am hellsten scheint,
Denk manchmal an den toten Freund!«

Drum ob ich froh war, oder litt,
Ich siegelte manches Briefchen damit;
Bei traurigen nahm ich das goldne Pfand,
Bei heitren den eisernen Ring zur Hand.

Den Blütenkranz auf dem Schmerzensbrief,
Er ließ ihm so tröstlich, wie wenn er rief':
»Ob vieles auch stirbt, ob vieles auch bricht,
Noch blüht ja die Liebe, – drum zage nicht!«

Der Totenkopf auf dem Freudenbrief,
Er ließ ihn so warnend, als ob er rief':
»Ist's noch so heiter, ist's noch so licht,
Noch ist nicht Abend, – drum juble nicht!«