Johann Gabriel Seidl

Besuch und Gegenbesuch

In stiller Kirchhofecke steht ein Stein,
Worunter ein geliebter Freund mir ruht;
Es dient ein Stein dem Platze nur zur Hut,
Merkzeichen nur, nicht Denkmal will er sein.

Da wandl' ich oft hinaus beim Abendrot,
Wenn meine Seel' ihr Gleichgewicht verlor,
Und poch' an meines Freunds granitnes Tor,
Und klag' ihm einsam weinend meine Not.

Oft streicht dann leis' ein Lüftchen mir vorbei,
Als wär's ein Trosteswort, von ihm gehaucht;
Oft schaut ein Blümchen, plötzlich aufgetaucht,
So klug mich an, als ob's ein Bote sei;

Bald wirft die Sonn' im Scheiden solchen Schein
Auf die metallnen Lettern »Wiedersehn!«
Daß sie als goldne Wahrheit vor mir stehn,
Kurz – ohne Trost verlass' ich nie den Stein.

Wenn früher nicht, in stiller Mitternacht,
Erwidert mir mein Freund den Grabbesuch,
Und kommt zu mir, doch nicht im Leichentuch,
Nein, ganz zu jenem, der er war, erwacht.

Mit jugendlichem Antlitz, klarem Blick,
Mit sanfter Red' und warmem Druck der Hand
Besucht er mich, hält meinen Fragen stand,
Und lehrt mich lächelnd dulden mein Geschick;

Und spricht mit mir von Tagen, die dahin,
Und malt mir Tage, die ihm – Gegenwart,
Indes mein Herz noch bangend ihrer harrt,
Und scheidet erst, wenn ich getröstet bin. –

Und so besuchen wir einander oft,
Bis einst zwei Stein' in jener Ecke stehn,
Und es nicht not mehr, auf Besuch zu gehn,
Weil wir vereint sind, wie wir's längst gehofft.