Johann Gabriel Seidl

Der Meister und sein Bau

Schon steht er losgeschälet von Brettern und Gerüst
Der Dom, der mit dem Giebel die nächtigen Wolken küßt;
Der Bau ist stark und riesig, als ragt' er zum Himmel hinein,
Und unten steht der Meister, der ist so schwach und klein.

»Nun,« ruft er, »ist's vollendet! Was erst aus Pergament,
Steht in der Welt nun offen, wo's jeder nennt und kennt!
Was ich mit Stab und Zirkel allein der Nacht vertraut,
Ragt hier von tausend Händen für tausend Jahr erbaut.

Und hätt' ich tausend Hände, von Eisen jede Hand,
Und faßt' ich zugleich mit allen hier dieses Werkes Wand,
So rückt' ich doch keinen Pfeiler von seinem Gestelle los: –
Ich schuf's, und Gott nur bricht mir's! – Ha, Mensch, wie bist du groß!«

Er ruft's und starret trotzig empor zum Wolkensitz,
Gleich einer leisen Rüge zückt fern am Ost ein Blitz.
»Doch seltsam,« beginnt er ernster, – »was ich geheim erdacht,
Steht hier im freien Leben und überragt die Nacht.

Mein Werk ist's nur, und sieht doch so übergroß auf mich;
Ich kann's nicht widerrufen, ich kann nicht sagen: Brich!
Und lebt' ich hundert Jahre, läg' hundert Jahr im Grab,
Und stünde dann auf, so säh' es noch stolz wie heut' herab.

Und hätt' ich tausend Hände, von Eisen jede Hand,
Und faßt' ich zugleich mit allen des eignen Werkes Wand,
So riß ich doch wohl keinen von allen Pfeilern ein: –
Ich schuf's und kann's nicht brechen! – Ha, Mensch, wie bist du klein!«