Johann Gabriel Seidl

Der Baum der Lieder

»Nun wiederum ein Blättchen!«
So sag' ich oft zu mir,
Wenn ich ein Lied gedichtet,
Wie eben dieses hier.

»Nun wiederum ein Blättchen,
Und also Blatt auf Blatt,
Solang' das junge Bäumchen
Noch Mark und Leben hat!«

Doch wenn nun deine Laune
Ihm Trieb um Triebe raubt,
Wird es nicht einmal dorren,
Entblütet und entlaubt?

Wird es nicht, eh' der Winter
Noch kommt mit seiner Not,
Gleich einem Kreuz am Hügel
Dastehen, kahl und tot?

Wirst du, wenn man am liebsten
Noch Grünes möcht' erspähn,
Nicht einst ein Blättchen suchen,
Und ach! kein Blättchen sehn?

Doch nein! – ich kann's nicht glauben,
Es wäre gar zu schwer!
War's jemals echte Blüte,
So stirbt ihr Keim nicht mehr.

Es ist der Baum der Lieder
Wohl der getreuste Baum;
Sich aus sich selbst verjüngend
Spürt er den Winter kaum.

Er säuselt seinen Pflanzer
Oft ein zur letzten Ruh',
Und flüstert wohl dem Wandrer
Noch seinen Namen zu.