Johann Gabriel Seidl

Die Bestellung

»Wir sitzen so traulich beisammen,
Und haben einander so lieb!«
So sangen wir erst noch heiter,
Und wurden plötzlich trüb;

Und sahn uns in die Augen,
Wir wußten nicht warum?
Und klangen an mit den Gläsern,
Und saßen wieder stumm.

Da faßt' ich ihn am Arme,
Den nebensitzenden Freund,
Und sprach: »'s ist Zeit zum Aufbruch
Sonst wird noch heute geweint!«

Und als wir nach Hause schritten,
Die schweigenden Straßen entlang,
Und als vom Dome nieder,
Die späte Stund' erklang,

Und als die Häuser standen,
So still und geisterbleich;
Da ward uns um die Herzen
Gar wundersam und weich.

Vorm Tore seines Hauses
Da drückt' ich ihm noch die Hand;
Es war mir, als sollt' er wandern
Weit – weit in ein fremdes Land.

»Leb wohl,« begann er, »und morgen –
Nicht wahr, – wir werden uns sehn?« –
»»Ja morgen seh'n wir uns wieder,«« –
So sprach ich – und wollte gehn.

»Wir müssen uns morgen sehen –
Die Hand drauf!« – rief er bewegt.
Ich gab ihm die Hand, wir schieden –
Auch ich war aufgeregt.

Ich ging, schlief, träumte wie immer,
Stand morgens wie immer auf,
Verfolgte nüchtern wie immer
Den nüchternen Tageslauf.

Und abends ging ich wie immer,
Und suchte den Freund mir auf;
Mußt' heute ja gar ihn suchen:
Ich gab ja die Hand ihm drauf. –

Ich poch' an seiner Türe,
Die alte Magd erscheint;
Ich frage sie: »Ist er zu Hause?« –
Sie nickt mit dem Kopf und weint.

»Was ist es, Mütterchen?« frag' ich;
»»Ja,«« sagt sie, »»das war schnell!
Heut' früh noch war er so freundlich, –
Jetzt liegt er tot zur Stell!««

»Tot?« ruf' ich – »Tot« so weint sie;
Ich stürz' ungläubig hinein, –
Da liegt er auf seinem Bette,
Beim Himmel – das ist nicht Schein!

Wie, wie nur ist er gestorben?
Genug, er starb, – er ist tot!
Das Schicksal steht nicht Rede, –
Genug, er starb, – er ist tot!

Und schweigend sitz' ich nieder,
Und fasse die kalte Hand;
Mir war, als wär' er gewandert
Weit, weit in ein fremdes Land.

Mir war, als kläng' es von ferne
Durchs Zimmer schaurig und trüb:
»Wir sitzen so traulich beisammen,
Und haben einander so lieb!«