Johann Gabriel Seidl

Dichter-Alter

Quique pii vates et Phoebo digna locuti,
Omnibus his (merita privantur) tempora (lauro).
Nach Virgil (Aen. VI. 662.)

Es ist kein Segen mehr, ein Dichter sein,
Einst war's ein Segen, selbst im Alter Segen:
Nachsommer gab's noch, späten Sonnenschein,
Und Blumen noch, um sie aufs Grab zu legen.

Wetteifernd flocht das jüngere Geschlecht
Den grauen Locken seines Sängers Kränze,
Und macht' ein Bett aus Rosen ihm zurecht,
Und freute sich, daß noch sein Auge glänze.

Und maß sich selbst an ihm, und lauschte gern
Dem süßen Nachklang aus entschwundnen Tagen,
Und wünscht' ihm lange noch die Stunde fern,
Die ihm als Dichter längst vorausgeschlagen. –

Das ist vorbei! – Die ungeduld'ge Zeit
Will Jugend, Tag, – kein Alter, kein Verdämmern,
Kein Werden auch, – nein, Urvollkommenheit,
Und fert'gen Stahl gleich ohne Glut und Hämmern.

Wie Pallas aus der Stirn des Zeus, so springt
Der neue Gott ins raschbewegte Leben;
Ein kühner Griff ins Saitenspiel, – es klingt,
Und tausend gleichgestimmte Herzen beben.

Bewundert durch die Länder zieht er hin,
Gefolgt vom Heer nachäffender Begleiter,
Hoch zu den Sternen trägt er seinen Sinn,
Da ruft die Zeit: »Bis hieher und nicht weiter!«

Ihm macht's nicht bang, die Saiten schnell vertauscht,
Den Ton gewechselt, wie die Mod' ihn fodert,
Und wieder ist er Herr, die Menge lauscht,
Er altert und verglimmt nicht, – er verlodert!

So will's die Welt, die alterscheue Welt; –
Ein alter Dichter, armer Mann des Spottes!
Das Standbild deiner Mus' ist längst zerschellt,
Gras überwuchs den Tempel deines Gottes.

Geh, – sag nicht, daß du sangest! Daß du sangst,
Ist dein Verbrechen, laß es niemand wissen,
Der Kranz, um den du einst so glücklich rangst,
Er würde dir mit Hohn vom Haupt gerissen.

Sie tun es jetzt den Kannibalen nach,
Die ihre Väter, um in alten Tagen
Sie zu bewahren vor des Siechtums Schmach,
Mit frommer Hand, bei Festgesang, erschlagen.

Drum wecke nicht der jungen Helden Wut,
Sie haben recht: denn sie sind jung, sie singen, –
Du hast gesungen; wenn für einst auch gut,
Jetzt würd' es dennoch wie ein Mißton klingen.

Und hast du einst auch manches Herz gelabt,
Jetzt stirb, – und laß dich mit dem Trost begraben:
»Wer einmal eine Zeit für sich gehabt,
Wird einmal wieder eine für sich haben.«