Johann Gabriel Seidl

Die beiden Gräber

Zwei feindliche Geschlechter wohnen
In Spaniens alter Königsstadt,
Die nichts in ihrem Hasse schonen,
Des tiefsten Grolles nimmer satt.
Das Fluchkorn, so die Väter säten
Im Taumel blinder Eifersucht,
Gepfleget wird es, statt zertreten,
Und wuchert auf zur üpp'gen Frucht.

Doch wie am starren Gletscherhange
Die Alpenrose freundlich glüht,
So ist, zum Trotz dem frevlen Zwange,
Die frömmste Lieb' auch hier entblüht.
Alfons, des einen Hauses Erbe,
Wächst hier zu kühnem Heldenlauf,
Und würdig, daß er um sie werbe,
Lorenza dort als Erbin auf.

Die Liebe läßt sich nicht bedeuten,
Was nicht geschehen soll, geschah:
Das Kinderpaar der Haßentzweiten
Sieht sich und liebt, seit es sich sah.
Und liebt so heimlich, weil so innig,
Und liebt so innig, weil so fromm,
Und birgt vor aller Welt so sinnig,
Was längst zur hellsten Glut entglomm.

Wohl sehen sie den Abgrund offen,
Und keinen Engel, der ihn schließt;
Doch Schwestern sind sich Lieb' und Hoffen,
Und dies erwärmt, wo jene sprießt.
Oft brüten sie an Sühnungsplanen;
Und fiel' auch ihre Trän' auf Erz,
So bleibt ja ihrem sel'gen Ahnen
Noch ihre Liebe, noch ihr Herz.

Wer ist, wenn sie sich so begegnen,
Wer ist wohl glücklicher, als sie?
Sie sind versucht, ihr Leid zu segnen:
Ihr Leid ist ihre Harmonie.
Wenn Aug' im Auge perlend schimmert,
Wenn Seufzer sich in Seufzer mischt,
Und, wie die Sonn' aus Nebeln flimmert,
Ein Lächeln dann den Gram verwischt;

Wenn sie auf sich beschränkt sich fühlen,
Selbstschöpfer einer eignen Welt;
Wenn sie mit dem Geschosse spielen,
Das, eh' sie's ahnen, wohl schon fällt;
Wenn sie den Finger kühn verachten,
Der zürnend ihrem Bunde droht, –
Das Meer von Sehnen dann und Trachten
Verschlingt den Tropfen ihrer Not.

Doch endlich trifft der Pfeil; verraten
Wird, was er längst geahnt, dem Haß,
Bedroht sieht er die Höllensaaten,
Die er mit Schadenfreude maß.
Doch Liebe soll ihm nicht zerstören
Den langgebauten, ehrnen Plan:
Der eine mag den Sohn nicht hören,
Der andre grollt die Tochter an.

Hier droht die Vaterhand erhoben
Alfonson mit des Fluches Graun,
Gebeugt ist dort von wildem Toben
Lorenzas krankes Haupt zu schaun.
Verkerkert hinter Schloß und Riegel,
Zergrämt sich hier und dort die Not; –
Doch Liebe findet ihre Flügel,
Wenn nirgend anders – doch im Tod.

Und diesem reifen sie entgegen,
Mit gleichem Schritt, ein gleiches Paar,
Ein Herz weiß von des andern Schlägen,
So scheint's: – denn beide bricht ein Jahr.
Zu beiden tritt an einem Tage
Der düstre Friedensengel ein;
So sargt sie mit verhaltner Klage
Der Eltern Haß im Totenschrein.

Nur daß man ihnen eins erfülle,
Verlangten sie der Welt noch ab:
Beisammen – hieß ihr letzter Wille –
Beisammen wünschten sie ihr Grab.
Wie feilscht der Haß, der dumpfergrimmte,
Selbst um dies Recht noch mit dem Tod:
Allein des Richters Spruch bestimmte:
Der letzte Wille sei Gebot!

So trägt man, was getrennt im Leben,
Denn nun vereint zum letzten Haus;
Hier schläft Alfons, und hart daneben
Ruht hier Lorenza schlummernd aus.
Doch fühlt der Haß sich's nicht verleidet,
Und mitten auf den schmalen Raum,
Der schonend beide Gräber scheidet,
Pflanzt er – erfindrisch – einen Baum.

Pflanzt ihn, daß er die Wurzeln berge,
Daß er hinablang' in den Grund,
Und voneinander dräng' der Särge
Geheimnisvollen Gräberbund.
Und wirklich scheint es so zu werden;
Schon grünt der Stamm im Frühlingsglanz,
Und vielfach in den Schoß der Erden
Verzweigt er seinen Wurzelkranz.

Doch wunderbar! die Wurzeln drängen
Nicht auswärts, Sarg von Sarge nicht,
Man sieht sie unten durch sich zwängen,
Wie sich ums Korn die Hülse flicht.
Und dichter schwellen sie und drücken
Gewalt'ger Truh' an Truhe vor,
Und grünen auf des Hügels Rücken
Als Doppelmonument empor.

Die Eltern sehn's mit schwächrem Grollen,
Durch Zufall einst am Grab vereint,
Sie wissen selbst nicht, was sie wollen,
Ihr Aug' beschämt den Haß – und weint.
Und durch das junge Blattgetriebe
Scheint es zu wehn im Maienlicht:
Das Herz sich brechen läßt die Liebe,
Sich trennen läßt die Liebe nicht.