Johann Gabriel Seidl

An die Unduldsamen

Ach! daß man die Zeit der Liebe
Doch so gern und schnell vergißt!
Daß, wer heute noch ihr Priester,
Morgen schon ihr Quäler ist.

Sieh! wie sie die Achseln zucken,
Sehn sie nur ein Paar, das liebt,
Und den Pfeilen ihres Witzes
Eine Brust zur Scheibe gibt;

Sehn sie, wie gewandt und arglos
Hand und Blick Erwidrung sucht,
Wie dem Herzen jede Knospe
Reift zu einer goldnen Frucht;

Sehn sie, wie man um ein Stündchen
Wortverlegner Gegenwart
Lange Tage, längre Nächte
Kargend oft sich weggespart.

Und doch träumten diese Richter,
(Ist's ein Traum) wie ich und du;
Stürmten unter gleichen Fahnen
Einem gleichen Ziele zu.

Schalten damals den, der lachte
Ihrer heil'gen Harmonie,
Und nun schelten diese Kalten
Den, der tut, wie damals sie.

Damals, – wären sie der Erde
Herrn gewesen eine Nacht, –
Ach, wie hätt' ihr Glück, als Sonne,
Jeder Liebe Glück gelacht!

Und nun nehmen sie die Schaufel
Ihrer Seelenlosigkeit,
Einen Baum zu untergraben,
Dessen Frucht auch sie erfreut.

Und nun lohnen sie mit Spotte,
Was zu haben sie sich freun,
Gleich als wollten sie verleugnen,
Daß sie dadurch glücklich sein.

Arme Spötter, nehmt den Spiegel
Eurer Jugend doch zur Hand,
Und beschaut nur eure Züge,
Ob denn jede Spur verschwand!

Jede Spur, daß dieses Auge,
Das mit Seitenblicken straft,
Auch einmal zur Wiege diente
Namenloser Leidenschaft;

Jede Spur, daß diese Lippen,
Die nun kalter Hohn entstellt,
Andre Lippen suchten, fanden,
Und nicht küssenssatt geschwellt;

Jede Spur, daß dieser Busen,
Den nun strenger Ernst umhüllt,
Nur gepreßt an einen andern
Sein entfesselt Blut gestillt;

Jede Spur, daß diese Hände
Bettelten um einen Druck;
Daß dies Haar sich ließ berauben,
Zum Entgelt für schönren Schmuck;

Daß der Mensch, an dessen Schulter
Nun vielleicht ein Antlitz lehnt,
Um dies Antlitz auch geworben,
Um dies Weib sich auch gesehnt!

So in eurer Jugend Spiegel
Blickt nach euch, ihr Spötter, um!
Wenn man liebte, Liebe quälen,
Bringt – bei Gott! geringen Ruhm.