Johann Gabriel Seidl

Des Menschen Bild

Der Dänenkönig Sigar saß trüben Angesichts;
Er rief die Schar der Freunde, – sie kam, – doch sprach er nichts.
Und endlich hob er langsam die Augen himmelwärts,
Und öffnete die Lippen und sprach mit innrem Schmerz:

»Ich bin ein alter König, hab' viel gewirkt, gestrebt,
Hab' lange mit den Menschen als Mensch geirrt, gelebt,
Hab' matt den Leib gerungen und grau gekämpft mein Haar,
Und dennoch weiß ich nimmer zu sagen, wer ich war.

Meerwogen lass' ich geißeln, wofern es mich erfreut,
Eisberge rollen nieder, wofern mein Wink gebeut,
Für alles hab' ich Bilder, was fliegt und steht und quillt,
Und dennoch such' ich immer umsonst für mich ein Bild!

Was ist der Mensch? – Ein Träumer? – Träumt er, oft wacht er doch!
Was ist der Mensch? – Ein Schemen? – Mein Leben lebt mir noch!
Er ist zu groß, ein Würmchen, zu klein, ein Gott zu sein,
Zu hart für eine Blume, zu weich für einen Stein.

Sein Bild ist nicht die Schlange, sein Bild ist nicht der Aar: –
Ich bin ein alter König, und weiß nicht, wer ich war!
Geht, ruft mir meinen Skalden, der trank aus Mimers Quell:
Er schaffe mir vom Menschen ein treues Bild zur Stell'.«

Der Skalde kommt gegangen, der König fragt bewegt,
Der Skalde faßt den Griffel, den er am Gürtel trägt;
Und an die Mauer tritt er mit still erhobnem Sinn,
Und zeichnet einen Zirkel und wieder einen hin. –

Mit Staunen sieht die Menge dem sondren Maler zu. –
»Das ist der Mensch, o König, – das,« spricht er, »bist auch du!
In diesem Zirkel schaust du des eignen Leibs Geschick:
In seinen Anfang eilt er, der Staub in Staub, zurück.

In jenem aber schaust du der eignen Seele Glück:
In ihren Anfang eilt sie, das Licht in Licht zurück!« –
Der König aber hört es, und drückt des Skalden Hand,
Und wischt mit seinem Mantel die Zirkel von der Wand.