Johann Gabriel Seidl

Bitte

Seht ihr mich an manchem Tage
Tun, als wüßt' ich mich allein;
Gleich' ich, taub für jede Frage,
Meinem eignen Bild von Stein;

Nennt der Zeiger meiner Augen
Euch den Lauf der Seelenuhr;
Schein' ich euch nur Gift zu saugen
Aus dem Becher der Natur;

Laßt dann immer mich gewähren,
Und verschwendet kein Bemühn,
Sucht mich ja nicht zu bekehren,
Oder unter euch zu ziehn.

Keines Scherzes tändelnd Witzeln
Bannt den Geist, der da mich faßt,
Keine Schmeichelfinger kitzeln
Mich in Schlummer oder Rast.

Keines Vorwurfs herbe Rede
Macht mich irr in meinem Tun;
Eh' sie abgetan die Fehde,
Bringt mich keine Macht zum Ruhn.

Seht das Meer, wenn seine Wellen,
Aufgewühlt von innrem Krampf,
Grollend aufeinander schwellen,
Und entglühn im Bürgerkampf!

Torheit dann, die Flut zu streicheln,
Daß sich leg' ihr dumpfer Groll;
Ihr mit Balsamtropfen schmeicheln,
Daß sie ruhig werden soll;

Torheit auch, sie drob zu geißeln,
Daß sie möge stille stehn: –
Sie wird ihre Wirbel kräuseln,
Ihr mögt drohen oder flehn.

Seht, so ist's mit den Gedanken
Und Gefühlen meiner Brust;
Oft im Stürmen und im Schwanken
Feiern sie ganz eigne Lust.

Darum wollt mich dann nicht stören!
Sei der Himmel noch so grau:
Ewig kann der Sturm nicht währen,
Einmal wird es wieder blau.