Johann Gabriel Seidl

Die Freierprobe

Zu einem Jungfräulein weis' und klug,
Nebstdem auch lieb und reizend genug,
Kam gar ein schöner, loser Gesell,
Und wollt' ihr Freier sein zur Stell'.

Sie sagt nicht ja, sie sagt nicht nein,
Sie sieht ihm aber ins Herz hinein;
Sie ahnt den lustigen, leichten Sinn,
Und hofft sich dessen keinen Gewinn.

Doch fühlt sie dabei hinwieder, wie tief
Manch Ernsteres ihm in der Seele schlief;
Das achtet die Jungfrau nicht für gering,
Und stellt ihm solchen sondren Beding:

»Ich sag', Herr Junker, nicht ja, nicht nein,
Doch so Ihr wollet mein Gatte sein,
So müßt Ihr's beschwören mit heil'gem Eid,
Zu tun, was jetzt mein Wort Euch gebeut.

So oft Ihr, bevor zwei Jahre verwehn,
Den Priester seht zu dem Kranken gehn,
So schließet Euch an und bittet ihn,
Daß er Euch lasse mit sich ziehn!

Und tretet mit ihm zum Kranken hin,
Und nehmt's Euch jedesmal ernst zu Sinn. –
Wofern Ihr das tatet in dieser Zeit,
Dann kommt und holt Euch bei mir Bescheid!«

Der Junker denkt: »Nun immerhin!
Es haben die Dirnen so eignen Sinn;
Drum, solches zu tun in dieser Zeit,
Beschwör' ich mit einem heil'gen Eid!«

Und wie nun des Mesners Glöcklein schallt,
Da springt er auf und tut sich Gewalt,
Und folgt dem Priester und bittet ihn,
Daß er ihn lasse mit sich ziehn.

Oft wenn er mit Zechern spielt und singt,
Und plötzlich des Mesners Glöcklein klingt,
Muß er verlassen Saus und Braus,
Und gehn aus dem Freuden- ins Schmerzenshaus.

Am Tummelplatz, an Freundesbrust,
Im Wintersturm, in Sommerlust,
Bei Tag, bei Nacht, in Freud' und Leid,
Mahnt oft ihn das Glöcklein an seinen Eid.

Und eh' zwei Jahre ganz entrauscht,
Da ist der Junker wie umgetauscht;
Wo ist sein lustiger, loser Sinn?
Sein Lebenstaumel, wo ist er hin?

Erst seit er dem Tod ins Aug' gesehn,
Glaubt er das Leben zu verstehn;
Erst seit er erkannt des Menschen Leid,
Weiß er zu schätzen des Menschen Freud'.

Und zu der Jungfrau weis' und klug
Zieht jetzt ihn ein weit süßrer Zug;
Hat er sie früher begehrt voll Glut,
So naht er ihr jetzt mit scheuem Mut.

Sie aber liest ihm's im Auge leicht,
Daß sie ihr edles Ziel erreicht:
»Jetzt schlag' ich,« ruft sie, »mit Freuden ein,
Ein frommer Mann muß glücklich sein!«