Johann Gabriel Seidl

Das gerettete Kind

Die Mutter sitzt an der Wiege des Kinds
Und singt es und schaukelt es ein:
»Ach ja – seine teueren Züge, die sind's,

Es könnt' ihm nicht ähnlicher sein!

Und auch von mir hat es viel, von mir!
Du lieber, herziger Schatz!
Und litt ich auch noch so viel mit dir,
Du gibst mir für alles Ersatz.

O möge dein Engel dich schützen, Kind!
Du ahnst nicht, was du mir bist:
Nicht alle schätze der Erde sind
Mir das, was dein Lächeln mir ist.

Du bist mein Leben, du bist mein Glück,
Mein Trost, meine Seligkeit;
Nach deinem Lallen, nach deinem Blick
Bemess' ich so Freude, wie Leid.

Wenn je – der Tod! – mit Schaudern spricht
Das schreckliche Wort mein Mund:
Nicht denken kann ich es, fassen nicht,
Es wär' meine letzte Stund'!« – –

So sinnet die Mutter und singt und wiegt,
Und sieht nicht den finsteren Geist,
Der schon durch die Kammer gespenstisch fliegt,
Und lüstern die Wieg' umkreist.

Es ist der Geist, den sie schaudernd genannt;
Es ist schon der neidische Tod,
Er streift schon dem Kindlein mit eisiger Hand
Vom Antlitz das blühende Rot.

Er impft ihm schon sein schleichendes Gift
Gar heimlich ins pochende Herz;
Er schreibt auf die Stirn ihm schon seine Schrift
Den leise zuckenden Schmerz. –

Ach Mutter, laß ab vom eitlen Wahn!
Du meinst noch, es schlummere gut;
O sieh doch hin, o fühl es doch an,
Schon trägt es den Tod ja im Blut.

Und wenn es aus seinem Schlaf erwacht,
So ist es auf kurze Frist,
Denn bald, bald schläft es die lange Nacht,
Aus der kein Erwachen mehr ist.

Wie jammert die Mutter mit starrem Blick! –
Ihr Kind, das ihr alles war,
Ihr Trost, ihre Freud', ihr Leben, ihr Glück,
Es liegt auf der Totenbahr'.

Es liegt mit eingefallnem Gesicht,
In weißen Händchen ein Kreuz,
Und rührt sich nicht und regt sich nicht,
Ein Engel voll heiligem Reiz.

Die Mutter küßt es viel tausendmal,
Und küßt es doch nimmer warm,
Und wiegt es vergebens mit banger Qual
Auf schaukelndem, kosendem Arm;

Und weint ihm vergebens das Liedchen ins Ohr,
Bei dem es sonst immer entschlief; –
O Mutter, wozu denn singst du's ihm vor?
Es schläft ohnehin ja so tief!

Wegreißen muß man mit ernster Gewalt
Das arme, verzweifelte Weib;
Zusammenknickt, gefühllos und kalt,
Auf hartem Estrich ihr Leib.

Sie denkt an den fernen Gatten nicht,
Der nichts von dem Schrecklichen ahnt,
Und arglos, während das Herz ihr bricht,
Hinwandert durch fremdes Land.

Sie denkt nicht an Lust, nicht an Sonnenschein,
An nichts, was wird und was war,
Sie denkt an ihr Kind, ihr Kind allein,
Das liegt auf der Totenbahr'. – –

Da plötzlich dröhnt vom Turm herab
Unheimlicher Glockenhall.
Aufschreit sie, – ruft er ihr Kind schon zu Grab?
Nein, – nein, – das ist anderer Schall.

Das ist der Feuerglocke Klang, –
Schon leuchtet es rot herein,
Schon wogt es und braust es die Straßen entlang,
Umflackert vom Flammenschein.

In dichten Wirbeln qualmt der Rauch,
Durch Fenster und Tor mit Macht;
Da rafft die Mutter empor sich auch,
Aus dumpfem Brüten erwacht.

Und »Rette, rette!« so herrscht es sie an,
Da stürzt sie hinaus voll Hast,
Und klettert die glimmende Trepp' hinan,
Von blindem Eifer erfaßt.

»Halt!« ruft es ihr nach, – sie aber fort,
Und fort mit fliegendem Haar: –
In jener brennenden Kammer dort
Liegt ja ihr Kind auf der Bahr'.

Sie wankt hinein, sie faßt es geschwind,
Für alles andere blind;
Sie denkt nicht: es ist mein totes Kind,
Sie fühlt nur: es ist mein Kind!

Schon ist ihr Haus dem Sturze nah,
Es macht ihr geringen Harm:
Gerettet hat sie ihr Teuerstes ja,
Sie hat ja ihr Kind im Arm.

Und kehret der Vater, dem sie es gab,
Zurück einst, düstrer gesinnt,
So kann sie ihn führen doch an ein Grab,
Und sagen: »Da liegt unser Kind!«