Johann Gabriel Seidl

Auf der Heimkehr

Ach wär' es nur schon morgen,
Ach wär's nur nimmer heut'!
Dann schwiegen alle Sorgen,
Dann wär' ich hocherfreut:
Denn morgen kommt die Stunde,
Erwartet sehnsuchtsvoll,
Wo mich ein Gruß vom Munde
Der Liebe laben soll!

Ach wär' es nur schon morgen!
Wie währt der Tag so lang,
Wenn in der Brust verborgen
Uns treibt der Sehnsucht Drang!
Wie ewig sind die Meilen,
Kein Weg, der enden will,
So sehr die Räder eilen,
Mir ist, sie stünden still.

Ich grüße Berg' und Bäche,
Ich grüße Feld und Haus;
Doch ach, wie dehnt die Fläche
So grenzenlos sich aus!
Schon wird der Himmel trüber,
Schon bleicht der Sonne Licht,
Viel Schlösser flohn vorüber,
Das rechte kam noch nicht.

Und wieder glühn die Sterne,
Und wieder sinkt die Nacht,
Die letzte Nacht, so ferne
Vom Liebchen zugebracht;
Die letzte Nacht voll Sorgen,
Die letzte – dann, ach! dann –
O wär' es nur schon morgen,
O Tag, o Tag, brich an!

Ihr Winde leiht mir Flügel,
Ihr Wellen spannt euch vor,
Tragt über Tal und Hügel
Mich bald zu ihrem Tor!
Müßt' ich sie auch erst wecken
Aus holder Träume Lust,
Wie würd' ihr süß Erschrecken
Belohnt an meiner Brust! –

So will ich denn im Traume
Mich noch begnügen gern,
Bis fern am Bergessaume
Verglimmt der Morgenstern.
Doch dann hinweg, ihr Sorgen,
Und Lieb' und Lust erneut! –
Ach wär' es nur schon morgen,
Ach wär's nur nimmer heut'!