Johann Gabriel Seidl

Das erste und letzte Bild

»Geh, Meister, nimm mich auf zum Schüler,
Ist's einem Ernst, so ist es mir;
Ich werde nicht nach Wochen kühler,
Mich treibt nicht eitle Ruhmbegier;
Mich drängt es nicht, um Gunst zu geizen,
Mich lockt nicht blendender Gewinn,
Nach andern, o! nach süßern Reizen
Verlangt's allmächtig meinen Sinn!

Ich lieb' ein Mädchen! Armer Maler,
Was ist dein schönstes Ideal?
O gegen dieses Licht ein fahler,
Ein farbenloser Widerstrahl;
Aus ihrem Auge spricht ein Leben,
Wie's eines Engels würdig ist;
Das kannst du doch nicht wiedergeben,
Und wenn du mehr als Maler bist!

Ihr Antlitz düster ohne Tränen,
Und ohne Lächeln hold und lieb,
Aus dem die Lieb' ihr goldnes Sehnen
In eine Wehmutwolke schrieb,
Gleich einem milden Sterne strahlt es
Aus brauner Locken dunklem Kranz; –
Gewiß kein ird'scher Pinsel malt es,
Und wär' er Raffaels, so ganz!

Den Mund, aus dessen keuschem Saume
Die Sünde noch kein Wort erpreßt,
Der mich mit seinem Laut, im Traume,
Wie beim Erwachen, nicht verläßt;
Den Busen, dessen heißes Klopfen
Sich nur an meinem Herzen stillt,
Der sorglich auffängt, was an Tropfen
Den Augen unvermerkt entquillt; –

Und diese tausend andern Züge,
Die Spieglungen des Augenblicks,
Verschwiegner Schalkheit, zarter Rüge,
Getäuschter Hoffnung, stillen Glücks,
Nein, Meister, die kannst du nicht treffen,
Und setztest du dein Heil daran,
Hier wird dich doch dein Pinsel äffen,
Der malen, doch nicht lieben kann! –

Wenn's einer können soll auf Erden,
So bin ich's selbst und ich allein!
Drum, Meister, will ich Maler werden,
Ich will dein treuster Schüler sein;
O lehre mich die Farben mischen,
Lehr mich der Zeichnung Ton und Grund,
Lehr mich das Düstre mit dem Frischen
Vereinen zum gesell'gen Bund!

Den kalten Körper nur vom Bilde,
Den dunklen Umriß lehre du,
Der Liebe Glut, den Strahl der Milde,
Die Seele geb' ich selbst dazu.
Mit einem Eifer niemals kühler,
Versuch' ich, üb' ich für und für;
Drum, Meister, nimm mich auf zum Schüler;
Ist's einem Ernst, so ist es mir!«

Der Jüngling spricht's, der alte Meister
Drückt ihm als Schüler warm die Hand:
Denn solcher Jugend rege Geister
Sind fürs Gedeihn ein sichres Pfand.
Der Jüngling horcht des Alten Lehren
Mit regem Blick, gespanntem Ohr,
Denn seinem glühenden Begehren
Schwebt nur der Preis des Zieles vor.

Er lernt; – was andern kaum in Jahren
Der Fleiß durchwachter Nächte trug,
Hat er, es ewig zu bewahren,
Errungen und erstürmt im Flug.
Schon weiß er, wie die Farben kleiden,
Schon ist sein Pinsel fest und treu,
Schon weiß er, wo das Licht zu meiden,
Und wo der Schatten Tugend sei.

Schon weiß er Mienen einzusaugen,
Bis er sie ganz empfangen hat,
Um, was er einsog mit den Augen,
Hinauszuhauchen auf das Blatt.
Da geht ihm auch kein Zug verloren,
Nicht eine Linie büßt er ein;
Von ihm gemalt, heißt neu geboren,
Heißt in sich selbst verdoppelt sein

Nun kann er seiner Kunst vertrauen,
Zu sicher ist er, zu geübt;
Mehr kann er nun, als nur sie schauen,
Erschaffen kann er, die er liebt.
Schon eilt er mit dem Malerzeuge
Zum wohlbekannten Erker hin,
Verbirgt sich lauschend im Gezweige
Und harrt der süßen Königin.

Der Tag mit seinem ersten Schimmer
Umpurpurt alle Höhen schon;
Sie grüßte sonst den Morgen immer
Mit einem Liede vom Balkon;
Er harrt und lauscht mit Farb' und Brette,
Kein Lied ertönt, kein Kopf erscheint;
Die Vögel jubeln um die Wette,
Der Maler aber geht und weint.

Und wieder mit dem ersten Schimmer
Umglüht der Tag die Alpenhöhn,
Und wieder lauscht er, wo er immer
In Morgenandacht sie gesehn;
Doch wieder klingt kein Fenster, wieder
Geht er mit leerem Brett und weint;
Und Sonnen wandeln auf und nieder,
Doch keine Königin erscheint.

Da kann er's länger so nicht tragen,
Bis er des Zieles Preis erreicht,
Und ist es gleich ein kühnes Wagen,
Was macht der Liebe List nicht leicht?
Verkleidet meldet an der Schwelle
Als welscher Maler er sich an!
Und fragt, ob niemand sei zur Stelle,
Dem seine Kunst hier dienen kann.

Ein Greis mit silberweißen Haaren
Gibt also, weinend, ihm Bescheid:
»Seid Ihr in Eurer Kunst erfahren,
So kommt Ihr zur gelegnen Zeit.
Hätt' eine Tochter gern getroffen,
Kein schönres Antlitz saht Ihr je:
Sein bleicher Spiegel schildert offen
Des Lebens Wohl, des Lebens Weh!«

Der Alte geht voran, der Maler
Folgt ihm, mit bangem Schauer, nach;
Die Wand geht auf, da flammt ein fahler,
Unsichrer Schimmer im Gemach.
Sie treten ein, auf einer Bahre,
Von dreizehn Lichtern rot umstrahlt,
In schneegewobnem Brauttalare
Liegt eine tote Fraungestalt.

»Die malt!« – entwankend ruft's der Alte,
Und läßt den Maler stumm zurück;
Der – ahnend, was der Sarg enthalte, –
Stürzt hin, – ja – er enthält sein Glück!
Ja, er enthält sein Glück, sein Streben,
Das Bild, für das er alles bot:
Drum, konnt' er's malen nicht im Leben,
Wohlan! so kann er's doch im Tod.

Und wie erfaßt von Wahnsinnsfeuer
Langt er nach Pinsel, Farb' und Brett,
Und zieht mit stierem Aug' den Schleier
Vom Liebchen auf dem Leichenbett;
Und Stirn und Lock' und Mund und Züge
Ahmt seine Hand wie spiegelnd nach:
Die Stirn, die einst des Frühlings Wiege,
Den Mund, der einst so lieblich sprach.

Zum Auge kommt er nun, zum Auge,
Das einst geglüht in sel'ger Lust;
Er starrt es an, und zuckt, als sauge
Ein eis'ger Krampf ihm an der Brust.
Geschlossen ist das Aug', das dunkle,
Geschlossen ist's und geht nicht auf;
Kein Kuß hilft, daß es wieder funkle,
Vergebens strömt er Tränen drauf.

Und wieder rafft er sich zusammen,
Und malt, was war, statt des, was ist,
Das Aug' mit seinen alten Flammen,
Die, wem sie galten, nicht vergißt;
Die Lippen mit den vor'gen Rosen,
Die Wangen mit dem vor'gen Rot:
Und raubt sein Recht dem schonungslosen –
Und seine Macht dem mächt'gen Tod.

Vollendet ist das Bild, vollendet,
Der Meister traut sich selber kaum;
Wie Stein kniet er ihm zugewendet,
Und wacht nicht auf aus seinem Traum;
Starr bleibt er so noch manche Stunde,
Das Knie gebeugt, das Auge wild,
Und küßt, noch tot, mit kaltem Munde,
Sein erstes und sein – letztes Bild.