Johann Gabriel Seidl

Das liebe Fenster

Du liebes, wohlbekanntes Fenster,
An dem ich oft mit Sehnsucht hing,
Als noch das Haus, des Aug' du bildest,
Mein liebstes Kleinod mir umfing!
Ich steh' dir wieder gegenüber,
Gedenke manches Traumgesichts,
Und sehe deine Scheiben wieder,
Doch hinter deinen Scheiben nichts.

Was könnt' auch hinter ihnen schimmern,
Nur eines einz'gen Blickes wert?
Vielleicht ein Bild mit andren Mienen,
Das auch gesehn zu sein begehrt?
Vielleicht der Schatten jenes Köpfchens,
Das einst durch sie mir zugenickt?
Vielleicht ein Namenszug, dem Glase,
Dem Rahmen heimlich eingedrückt?

O keine Spur ist mehr vorhanden,
Verwandelt alles und zerstört,
Kein Splitter mehr, der jener trüben
Und doch so sel'gen Zeit gehört!
Im fremden Rahmen fremde Scheiben,
Und hinter ihnen fremd die Wand,
Auf fremdem Simse fremde Blumen,
Gepflegt von einer fremden Hand!

Ach! und wie kommt's nur trotz dem allen?
Es läßt mich nicht vorübergehn;
Der Pulse ungestümes Pochen
Heißt mich verweilen, aufwärts sehn!
Du warst mir teuer, liebes Fenster,
Du hast mir wohl und weh getan,
Und was mir einmal lieb geworden,
Dem hang' ich ewig liebend an.

Ach! steigt es doch aus deinem Rahmen
So rosighell vor mir empor,
Ein buntes Treiben, bunter immer,
Wie eine Welt, die ich verlor;
Wie eine Welt voll Blütenkeimen,
Die mir zur goldnen Frucht gereift,
Wie eine Schar von Wonneträumen,
Die, was noch Traum war, abgestreift.

Als Kinder seh' ich die Gefühle
Noch schüchtern deinen Rand umblühn,
Die nun, dem Spiele längst entwachsen,
Mit kühnem Ernste mich durchglühn.
Es war ja hinter diesen Scheiben,
Wo ich einst abends zagend stand,
Mein Glück mir in ein Wort vereinte,
Das Wort verlor, das Wort nicht fand!

Es war ja hinter diesen Scheiben
Als ich, am Abende danach,
Das Wort, das ich verloren, suchte,
Verlor und sucht' und fand und sprach.
Sie waren's, die ich oft behauchte,
Und in den Hauch zwei Namen zog;
An die ich oft die Stirne lehnte,
Gefaltet oft die Hände bog.

Sie waren's, – meine Sinne schwindeln,
Und meine Lippen nennen's nicht!
Mir malt die Wonnen jener Tage
Nur manchmal noch ein Traumgesicht.
Drum sei gegrüßt, du liebes Fenster,
Du bleibst ein lichter Punkt für mich;
Die Szenenfolge meines Lebens
Wär' unterbrochen ohne dich!

Und weilt' ich jahrelang dir ferne,
Und riefe mich mein Stern zurück,
Dir schenkt' ich, blind für alles andre,
Dir, Fenster, meinen ersten Blick!
Und wär' auch längst die Blum' entblättert,
Die hinter dir einst aufgeglüht,
Mit doppelt heißen Tränen rief' ich,
Dich schauend: »Hier hat sie geblüht!« –

Und bräch' einst diese Stadt zusammen,
Und sänkst auch du in Schutt mit ihr,
Ich seufzt an deinem Trümmergrabe
Mit Wehmut noch: »Hier war es, hier!
Hier war es, hier das liebe Fenster,
Das mir so wohl, so weh getan!« –
Denn was mir einmal lieb geworden,
Dem hang' ich ewig liebend an!