Johann Gabriel Seidl

Der Suchende

Ein finsterer Pilger durchirrt den Wald,
Am Leibe noch jung, am Herzen alt:
Sein totes Liebchen ist schuld daran,
Daß er nicht jung mehr scheinen kann.

Er geht, bleibt stehen, spricht ein Wort;
Setzt wieder ab, irrt wieder fort,
Schreit laut vor sich hin, ist wieder still, –
Weiß selber, scheint es, nicht, was er will.

Zu Hause freut es ihn nimmermehr:
Sie sucht ihn dort nimmer, das Haus ist leer;
In keinem Schatten verlangt er zu ruhn,
Sie ruht ihm ja nimmer zur Seite nun.

An keiner Blume findet er Lust, –
Er kann sie nicht stecken an ihre Brust;
Für keine Quelle hat er mehr Sinn,
Er sieht ja ihr Bild nicht bei seinem darin.

Den eigenen Tränen ist er feind:
Sie fragt ihn ja nimmer, warum er weint?
Sie fragt nicht mehr, gibt nicht mehr Bescheid,
Bekümmert sich nicht mehr um Freud' und um Leid. –

Und wie er irrt durch Steig und Steg,
Da tritt ihm ein greises Weib in den Weg,
Ein Weib, zwergartig, hager und alt,
Als wär' es das Schicksal in Menschengestalt:

»Grüß Gott, mein Söhnlein, wohin denn so spät,
Wann selbst schon der Adler schlafen geht?
Ein Kind von deiner Art und Gestalt
Gehört in die Welt und nicht in den Wald.

Hielt dich der Vater, die Mutter zu streng?
Im Walde da ist es ja eben so eng.
Verlorst du dein Gold und dein Geld in der Welt?
Im Walde wächst ja kein Gold und kein Geld.

Wie? oder irrst du, zu morden, im Wald?
Gib Achtung: Räuber werden nicht alt.
Wie? oder verlorst du Richtung und Weg?
Komm mit mir! Ich führ' dich den rechten Steg!« –

»»Nein, Mütterchen, nein, keine Mutter hat,
Kein Vater gemacht mich des Zwanges satt;
Ich wollt', ich hätt' noch so süßen Zwang,
Gern wollt' ich ihn tragen mein Leben lang!

Nein Mütterchen, nein, – nicht verlor ich mein Gold
Nie war ich dem gleißenden Schimmer hold;
Nicht treib' ich mit anderer Leben mein Spiel,
Es ist mir ja meines schon, meines zu viel.

Nicht hab' ich des Weges verfehlt auf der Flucht,
Ich suche ja keinen, hab' keinen gesucht;
Ich will nicht aus, ich will nicht ein,
Ich will nur sie, nur sie allein!

Ich will nur sie, ich suche nur sie,
Das Kind nur such' ich, das Gott mir verlieh;
Und wenn ich es finde, so führ' ich's nach Haus,
Und find' ich es nimmer, so ist es aus!

Ist aus mit mir, aus, Mütterchen, aus!
Dann brauch' ich nicht Weg, nicht Lager, nicht Haus,
Dann kann ich mein Haus ja überall sehn,
Wo zwei Weiden auf einem Hügel stehn!

Doch, Mütterchen, sage mir, sage mir an,
Ob ich sie finde, und wo? und wann?«« – –
»Das will ich dir sagen, das ist mir bekannt,
Nur sieh mir ins Auge, nur reich mir die Hand!

Du liebst ein gutes, ein süßes Kind,
Du bist ihm mit Rechten so treu gesinnt;
Drum wird es nicht ohne Mühe dein,
Doch Mut! es wird ja so lange nicht sein!

Zwar wirst du manchen Morgen und Tag
Durch Täler noch wandeln, durch Busch und Hag;
Wirst manche Tränen noch weinen um sie
Vor mancher Kapelle noch beugen dein Knie.

Wirst manch ein Sternlein noch kommen sehn,
Doch laß den Mut nicht untergehn:
Eh' wieder die Blätter fallen allhier,
Hast du sie gefunden, – und bist du bei ihr!« –

Der Jüngling ging, – und manchen Tag
Durchirrt' er Täler, Busch und Hag,
Vergoß noch manche Tränen um sie,
Und beugte vor mancher Kapelle sein Knie.

Manch Sternlein sah er noch kommen und gehn;
Doch wo die zwei Weiden am Hügel stehn,
Wo die Blätter schon fallen für und für,
Da – fand er sie endlich, da blieb er bei ihr.