Johann Gabriel Seidl

Der gejagte Jäger

Das geht durch Dorn und Ranke, durch Wald und Schlucht in Hast, –
Du junger Alpenjäger, so gönne dir doch Rast!
Das Wetter ist nicht günstig, was klimmst du denn empor?
Meinst du, die Gemsen machen sich dir zulieb hervor?

Dem jungen Jäger aber liegt nicht die Jagd im Sinn,
Er starrt mit trüben Augen gar seltsam vor sich hin,
Er schlendert an den Klüften, wovor selbst Jägern graust,
Ganz schwindellos vorüber, sein Stutzrohr in der Faust.

Den Aar in hohen Lüften, sonst ein willkommen Ziel,
Er läßt ihn ruhig kreisen, – es gilt ein andres Spiel;
Heut' ist nicht er der Jäger, heut' wird er selbst gejagt,
Gejagt von Kupp' auf Kuppe, bis ihm die Kraft versagt.

Die Jäger sind die Schwüre, die ihm die Sennin schwor,
Die Jäger sind die Stunden, die er an sie verlor,
Die Jäger sind die Küsse, die sie nicht ihm vermeint,
Die Jäger sind die Tränen, die sie nicht ihm geweint.

Ein lustig Jägervölkchen, für einen Leu genug!
Sie hetzen ihn verspottend bis vor zum letzten Bug,
Zum Rand, wo kein Entkommen, wo kein Besinnen gilt, –
Da steht er nun, umzingelt, ein mattes, armes Wild.

Was kümmert ihn die Wolke, die fast sein Haupt berührt,
Was kümmert ihn das Wetter, das sie mit sich geführt,
Ihr Prasseln und ihr Sausen und ihrer Blitze Strahl?
Sein Auge starrt hinunter, hinunter nur ins Tal.

Dort steht sie noch, die Hütte, das Fenster glänzt noch dort,
Das klirrte manchem Pochen, das lauschte manchem Wort;
Das Pochen war vergebens, das Wort war leere Spreu, –
Er hat die Treu' gehalten, doch sie vergaß der Treu'.

Jetzt regt sich was vorm Hüttchen, – sie ist's, – sie muß es sein, –
Da hüllt der Nebel sinkend ihm Tal und Hüttchen ein,
Da faßt er wild die Büchse, drückt fest ans Herz den Lauf:
»Glück auf, beglückter Freier! Herzliebchen, schau herauf!«

Und plötzlich senkt die Wolke sich berstend niederwärts,
Ein Strahl, – der Jäger taumelt, – der Strahl fuhr ihm durchs Herz –
So fanden ihn die Jäger versengt vom Flammenkuß;
Des Himmels Blitz ersparte dem einen bösen Schuß.