Johann Gabriel Seidl

Vogel und Dichter

Vogel in dem Bauer, mußt du singen,
Wie man es dir vorpfiff manchen Tag?
Mußt die Töne kunstgerecht verschlingen,
Statt zu schlagen deinen muntren Schlag?

Mußt den Triller welscher Meister wechseln
Statt des Trillers, den dich Gott gelehrt,
Mußt den Lauf in einen Walzer drechseln,
Der als Waldlied Gott so fromm geehrt?

Mußt der Kehle süßen Schmerz vergessen
Und den heil'gen Jubel deiner Brust,
Mußt im Takte dein Adagio messen
Und nach Vierteln mäß'gen deine Lust?

Mußt den unerschöpften Schwall der Lieder,
Ihres Wechsels ew'gen Überschwang,
Kargend schnüren in ein Alltagsmieder,
Bis die Freiheit fast erlahmt in Zwang? –

Aber nicht wahr, wann die Sterne blinken,
Wann das Leben einschlief weit und breit,
Wann aufs Ohr die müden Quäler sinken,
Nicht wahr, dann beginnt erst deine Zeit?

Dann entfaltest du der Seele Flügel,
Fällst in dein Naturlied freudig ein,
Schwebst im Traum hin über Tal und Hügel,
Singst für lang' dich aus beim Sternenschein! –

Vogel in dem Bauer, sieh! dir gleichet
Hier der Dichter oft mit seinem Leid,
Wenn die Sorge lauernd ihn umschleichet,
Wenn Gemeinheit ihn zum Opfer weiht.

Ach! wie rüttelt er auch an den Stäben
Seines Käfigs, darbend manchen Tag,
Mehr nicht gebend von dem innren Leben,
Als was Flachheit eben dulden mag.

Nur die Nacht, die stille Zeit der Tränen,
Läßt er sich nicht nehmen, die ist sein;
Während seine Quäler satt sich dehnen,
Singt er rüstig in die Nacht hinein.

Da ist seine Werkstund' ihm erschienen,
Seine Freiheit, sein ambrosisch Mahl:
Muß er's hart durch Qual sich gleich verdienen,
Dies Gefühl ersetzt ein Jahr der Qual.