Johann Gabriel Seidl

Der Skorpion

Am Meeresstrande zwischen Lorbeerbäumen,
Vom blauen Himmel freundlich überstrahlt,
Da saß ein Liebespaar in Wonneträumen
So selig, wie man sel'ge Geister malt.

Und Nachtigallen mußten Zeugen werden,
Und Meereswellen mußten Bürgen sein,
Daß es nicht heißre Liebe gäb' auf Erden,
Nicht festre Treue unterm Sonnenschein.

Und arm an Worten, arm an all den Zeichen,
Womit der Mensch sich Irdisches vertraut,
Abwechselnd mit Erröten und Erbleichen,
Sank an des Jünglings Brust die holde Braut.

Und wie sie sich gesenkten Haupts entwindet,
Fällt eine Trän' aus ihrem Aug' aufs Grün;
Dem Blick der Lieb' entging sie nicht, er findet
Bald ihre Spur und sieht sie flimmernd glühn.

»Du Perle,« ruft der Jüngling, »Demanttropfen,
Freiwill'ge Bürgschaft, sei du mir ein Pfand,
Daß so wie jetzt die Herzen treu uns klopfen,
Sie treu sich bleiben bis ins bessre Land!« –

Was kann so großes je die Lieb' ersinnen,
Daß Lieb' es nicht gewährt' als Kleinigkeit? –
Drum schifft der Jüngling einst getrost von hinnen,
Und findet Glück selbst in der Trennung Leid.

Strahlt doch die Träne, die ihr dort entsunken,
Ihm überall voran als leitend Licht! –
So flieht ein Jahr, – heimkehrt er, wonnetrunken,
Mit Hohn belächelnd, was die Kunde spricht.

»Sie ward dir untreu!« flüstern ihm die Wogen,
Und »untreu« blinken ihm die Sterne zu,
Die Lorbeern säuseln ihm: »Sie hat gelogen!«
Die Weste wehn es, – doch er bleibt in Ruh'.

Er sieht sie selbst an fremdem Arme wallen,
Sieht sie erröten, ihrer Schuld bewußt; –
Er glaubt es doch nicht: Sterne können fallen,
Doch nimmer wankt das Herz in treuer Brust.

Zum Strand hin eilt er, zu den Lorbeerbäumen,
Auf die der Himmel düster niederschaut,
Zur Rasenbank, wo einst in Wonneträumen
Ihm treue Lieb' ihr süßes Pfand getaut.

Der Lorbeerhain erbraust, die Wogen schallen,
Die Möven kreisen wild mit heisrem Ton,
Und wo des Mädchens Träne hingefallen,
Liegt jetzt im Gras – ein ekler Skorpion.