Johann Gabriel Seidl

An die moderne Muse

Wer bist du, Weib? Mich dünkt, ich soll dich kennen!
Es liegt ein Zug in deinem Angesicht,
Der mich gemahnt, dich wohlbekannt zu nennen, –
Ja, ja – du bist's! Doch nein, du bist es nicht!

Du trittst so kühn auf klirrenden Sandalen
Mit Amazonen-Ungestüm einher,
Als sollte jeder Fürst Tribut dir zahlen,
Als gab' es ohne dich kein Zepter mehr.

Gesetze willst du eigenmächtig sprechen,
Willst einer neuen Ordnung Patin sein,
Willst übers Knie der Vorzeit Bau zerbrechen,
Und jedes Kreuz durch Blut zum Schwerte weihn.

Der süße Fried' ist deinem Aug' ein Greuel,
Und nur der Kämpfende ist dir ein Mann,
Zusammenballen willst du einen Knäuel,
Damit dein Scharfsinn ihn entwirren kann. –

Bald wieder blickst du schmachtend, eine Phryne,
Leichtfertig schwärmend, höhnisch, wollustsatt,
Halb Faun, halb Seraph, mit verzogner Miene,
Die für das Heiligste ein Lächeln hat. –

Bald sprudelt dir der Mund von Bildern über,
Die, ob dir fremd, du als erlebt verkaufst;
Du wirfst der Suada falt'gen Mantel drüber,
Und alles ist und heißt, wie du es taufst.

Der Beduine muß sein Roß dir borgen,
Der Perser muß dir seine Rosen streun,
Der Hindu dich mit Gangesflut versorgen,
Nur deiner Heimat magst du dich nicht freun. –

Bald steckst du so viel Sträußchen dir ans Mieder,
Daß man den Stoff vor Schmuck nicht mehr erkennt; –
Bald lässest du zur Schenkenmagd dich nieder,
Die jedes unter seinem Wert benennt. –

Und forsch' ich nach der Frauen schönster Gabe,
Nach Frömmigkeit, o ja, du hast sie auch:
Nur schämst du dich zu gehn an unsrem Stabe,
Dich zu erbaun nach unserem Gebrauch.

Den alten Gott im Himmel willst du läutern,
Er ist dir zu prosaisch, wie er ist,
Du willst auch ihm den Horizont erweitern,
Um wert zu sein, daß sein Geschöpf du bist.

Du taumelst fort in Wunderphantasien,
Bald knapp am Boden hin, bald himmelwärts;
Du hüllst den hohlsten Sinn in Melodien,
Nur eins vermiss' ich, wenn du singst, – das Herz! –

Nein, nein, – du bist das Weib nicht, das ich suche,
Bist nicht die Muse, der ich Treue schwor,
Und die, wiewohl verfolgt vom Spott und Fluche,
Doch ihre Geltung noch nicht ganz verlor.

Die traute, keusche, wahre, fromme Muse,
Die einst durch Deutschlands Auen friedlich schritt,
Aufflammend nur zur zürnenden Meduse,
Wenn Fremdlingshohn ihr gutes Recht bestritt.

Die traute Muse, die so herzlich bieder
Der Heimat Recht' und Sitten ernst vertrat,
Und stolz, doch mild, von ihrer Höhe nieder
Beschwicht'gend auswarf ihre Friedenssaat.

Die keusche Muse, die Paläst' und Hütten
Heimsucht', als Botin einer schönren Flur,
Nie unbescheiden, immer wohlgelitten,
Ein einfach Kind der heiligen Natur.

Die wahre Muse, die da jedem Dinge
Den echten, ungeschminkten Namen lieh,
Wohl wissend, daß zum Herzen der nur dringe,
Der treu die Herzenssprache spricht, – wie sie.

Die fromme Muse mit dem Kinderglauben,
Die Gott verehrt' in seiner Schöpfung Bild,
Und stets bedacht, zu geben, nicht zu rauben,
Ihr schlichtes Lied für ein Gebet noch hielt.

Ja du, du bist die Muse, die ich wähle,
Du bist die Göttin, die mich treu geführt,
Auf die ich noch in Freud' und Leiden zähle,
Die noch vielleicht mein brechend Aug' berührt.

Du mit den unvergeßlich holden Mienen,
Zu deinem Tempel will ich einsam ziehn,
Und kann ich dir nicht mehr als Priester dienen,
Doch wenigstens vor deinem Altar knien!