Johann Gabriel Seidl

Das neue Haus

Meinen Fenstern gegenüber
Stand einmal ein neues Haus,
Niemand sah noch zu den Scheiben,
Niemand ging zum Tor heraus.

Einsam ragten noch die Wände;
Weder Wiege, weder Sarg
Stand noch in dem öden Innern,
Das ein hohles Echo barg.

Doch wenn ich zur Dämmerstunde
Jählings oft hinübersah,
War es mir, als stünd' am Fenster
Eine blasse Jungfrau da.

Und wenn ich in stillen Nächten
Hinblickt' auf das öde Haus,
Leuchtet' es wie rote Kerzen,
Aus den Zimmern oft heraus. –

Endlich ward's im Haus lebendig,
Leute zogen aus und ein,
Waren mir nicht sehr willkommen;
Sahn ins Zimmer mir herein.

Und ich zog vor meine Fenster
Linnendecken grün und dicht,
Und sie sahen nicht, was hüben,
Und ich sah, was drüben, nicht.

Doch in einer Dämmerstunde
Fühlt' ich einst ein süßes Graun,
Und ein Drängen und Verlangen,
Auf das neue Haus zu schaun.

Durch den Vorhang späht' ich leise,
Späht' und sah ein schönes Bild
An den Scheiben sinnend lehnen,
Geisterblaß und engelmild.

Mondenschimmer überstrahlte
Sanft der Leidenden Gesicht,
Und ich sandt' ihr viele Grüße,
Ob sie's merkte, wußt' ich nicht. –

Und so fühlt' ich einst ein Drängen
Spät in schwarzer Mitternacht,
Nach dem Fenster hinzuschauen,
Ob die Blasse wohl noch wacht.

Flackernd strahlten düstre Kerzen
Durch des Vorhangs dünnen Flor,
Zehen Sternen gleich, die rötlich
Glühn aus Nebeldunst hervor.

Schaudernd wacht' ich bis zum Morgen,
Blickte bang aufs neue Haus: –
Einen Sarg, geschmückt mit Blumen,
Trugen Jungfraun still heraus.