Johann Gabriel Seidl

Der fremde Hund

An jedem Morgen scharrt' und winselt'
Ein fremder Hund vor meiner Tür;
Mich sucht' er, seinen Herrn verlassend,
Nicht wußt' ich, was ihn lockt zu mir;
Er schmiegte traut sich mir zu Füßen,
Und blickte klug mich an dabei,
Und leckte dankbar mir die Hände, –
Treuloser Hund, wie bist du treu!

Oft jagt' ich ihn von meinem Tische,
Der wenig trägt für solchen Gast;
Oft schreckt' ich ihn mit barschem Rufe,
Wenn er mir naht' in froher Hast;
Oft ließ ich es ihn fühlbar merken,
Daß ich sein wahrer Herr nicht sei,
Er tat, als wollt' er mir's nicht glauben, –
Treuloser Hund, wie bist du treu!

Oft schlug ich ihm in kalten Nächten
Das Haustor vor der Nase zu;
Er knurrte traurig auf der Schwelle,
Dann legt' er sich im Schnee zur Ruh'.
Hat doch beim Bette seines Herren
Zu Haus am Ofen weiche Streu,
Und blieb im Schnee vor meinem Tore, –
Treuloser Hund, wie bist du treu!

»Abscheulich Tier!« so dacht' ich manchmal,
Und hatt' es in der Tat doch gern,
Und hatt' es täglich um so lieber,
Je ungetreuer es dem Herrn;
Und wagte – schalt es jemand drüber, –
Es zu verteid'gen ohne Scheu,
Und rief, wenn's wedelnd mich umhüpfte:
»Treuloser Hund, wie bist du treu!« –

Doch einmal kam der Hund nicht wieder,
Blieb heute, blieb mir morgen fern,
Und übermorgen sah ich folgsam
Ihn wandeln hinter seinem Herrn.
Er lief, als ob er's nicht mehr kennte,
An meinem Hause rasch vorbei,
Auf seinen Herrn den Blick gerichtet,
Ihm erst so treulos, jetzt so treu.

So sah ich Tag für Tag ihn immer.
Einst lockt' ich ihn mit leisem Ton;
Er schien mich nie gekannt zu haben,
Wies mir die Zähn' und lief davon.
»Du braver Hund!« so mußt' ich sagen,
Und dennoch tat mir's weh dabei:
Ich pries ihn treu, solang' er treulos,
Und schalt ihn treulos, seit er treu.