Johann Gabriel Seidl

Der Händedruck

Einst hatt' ich manche Hand zu drücken,
In der ein Puls der Freundschaft schlug,
Die fremdes Leiden und Entzücken
In meine magisch übertrug.

Da war's noch jener Druck voll Leben,
Der, wie man glaubt, zur Seele dringt,
Und uns, zur Stunde recht gegeben,
Um ein Jahrzehent näher bringt;

Noch jener Druck, der Blick und Worte,
Der Brief und Eidschwur uns erspart,
Und bis zur stillen Grabespforte
Das Herz dem Herzen treu bewahrt.

Nun drück' ich auch wohl manche Hände,
Doch ist es jener Druck nicht mehr;
Als ob ich keine Hand mehr fände,
Die so recht treu zu drücken wär'.

Will ich die eine herzlich fassen,
So spür' ich einen Ring daran,
Der fast mich warnt, die Hand zu lassen,
Die ganz nicht mein mehr heißen kann.

Und lang' ich nach der andern lieber,
Fühlt sie so kalt und rauh sich an,
Wie eine Marmorhand, worüber
Die Zeit ihr Staubgewebe spann.

Und an der dritten fühl' ich Schwielen,
Die vierte riecht nach Sterblichkeit,
Und diese scheint im Druck zu spielen,
Und jene nimmt sich nicht die Zeit.

Ach, daß ich eine wiederfände
Mit jenes Druckes warmer Spur!
Doch was verklag' ich andre Hände?
Am Ende liegt's an meiner nur.