Johann Gabriel Seidl

Das Dorfkind

»Grüß' Gott, du liebes, schönes Kind!
Bist doch vom Dorfe nicht?
Dein Händchen ist so weich und lind,
So blühend dein Gesicht.

Und doch von diesem Dorfe? — Nein!
Das glaub' ich nimmermehr!
Du schlichst dich schelmisch nur herein,
Und gehst verstellt einher!« —

Wo, frag' ich, wo ist weit und breit,
In Stadt und Fürstenschloß,
Ein Bräutchen, das die Lieblichkeit
Je lieblicher umfloß?

Setzt ihr ein Diadem in's Haar,
Und sie ist Königin,
Und seufzend blickt der Helden Schaar
Zur Unerreichten hin.

Und sie — sie wär' ein Dorfkind nur,
Gewiegt auf stillem Land,
Gesäugt an deiner Brust, Natur,
Geschmückt von deiner Hand?

O geht, ihr stolzen Frauen, nehmt
Natur, als Amm', ins Haus;
Gebt ihr das Kind und ruft beschämt:
»Ein Engel ward daraus!«