Johann Gabriel Seidl

Die beiden Kirchlein

Auf der einen Seit' im Thale
Steht ein Kirchlein schmuck und klein;
Seines Glöckleins helles Klingen
Ladet laut zur Andacht ein.

Von den Bergen, aus dem Walde
Wandeln Beter nach dem Thal,
Um im Kirchlein auszuschütten
Ihrer Herzen Lust und Qual. —

Auf der andern Seit' am Berge
Steht ein Kirchlein schmuck und fein,
Seiner Glocke mächtig Klingen
Ladet ernst zur Andacht ein.

Aus dem Thale nach dem Berge
Steigen Beter rings hinan,
Um im Kirchlein auszuschütten,
Was ihr Herz erleichtern kaun.

Und was jene drunten suchen
In der Dämmerung im Thal,
Suchen diese wieder oben
Auf dem Berg im Sonnenstrahl.

Und der Suchende wird finden,
Sei es Thal, sei's Bergesjoch,
Droben, denk ich, über Wolken
Da begegnen sie sich doch.