Johann Gabriel Seidl

Am Strome

Du stiller Strom, ich steh' an dir,
Nicht wie ich immer stand;
Mein Innres hat sich heute mir
Ganz wunderbar gewandt.

Sonst immer roth und immer froh,
Und heute trüb und blaß,
Und heute — wie nur kam es so? —
Wol gar mein Auge naß!?

Ja, eine Perle schwimmt im See
Des Auges voll und klar,
Als wär' sie das verschmolzne Weh'
Von einem langen Jahr.

O Thräne, nieder in die Flut,
Fall' ungeseh'n hinab,
Und find' in ihrer Wellen Hut
Die Wiege, wie das Grab! —

Sie fiel — o Gott! — es ist vorbei;
Die Welle nahm sie mit!
Mein Aug' ist wieder hell und frei,
Und flügelleicht mein Schritt.

Mein Busen hebt sich wieder froh,
Der böse Zwist verklang,
Die trübe Kummerwolke floh: —
Es war ein Übergang!