Johann Gabriel Seidl

Auf dem Wasser

Laßt den Kahn sich freundlich wiegen
In des Wassers sich'rer Hut,
Laßt die Händ' im Schooße liegen:
Denn von selbst gehorcht die Flut.

Flieh' von Westen fortgetragen,
Fliehe, kleines Freudenhaus!
Laßt ihm, Freunde, sein Behagen,
Hebt das müß'ge Steuer aus!

Aber in des:Kahnes Herzen
Pflanzt es auf wie einen Mast;
Pflückt dann, im Vorüberscherzen,
Blumen des Gestad's in Hast!

Und zu duft'gen Ketten windet
Die erhaschten Blumen dann,
Und die duft'gen Ketten bindet
An des Mastes Wipfel an!

Ähnlich einem Blumenzelte
Gleite so der Nachen fort;
Freud' und Fried' und Freiheit gelte
Jedem drauf als Losungswort!

Schwäne mit erhabnen Hälsen
Folgen uns in ernster Ruh',
Und des Ufers alte Felsen
Nicken unsrer Jugend zu.

Feierliche Wipfel flüstern
Manchen Geistergruß uns nach;
Oft auch dünkt es uns im Düstern,
Daß die Vorwelt mit uns spracht.

Näher rückt man stets und näher,
Untergehen Groll und Harm,
Alle Busen pochen höher,
Und es schlingt sich Arm in Arm.

Und in schweigendem Gebete
Preist dich, Welle, jede Brust,
Als der Leiden stillen Lethe,
Als Mnemosyne der Lust!