Johann Gabriel Seidl

Anf der Weide

O treib' nur dein läutendes Völkchen,
O treib' es nur, Hirte, nach Haus;
Hast du schon das deine zu Hause,
Dann treib' ich erst meines hinaus.

Wie munter die Lämmer des Hirten,
Und meine wie träg und wie stumm!
Und meine doch gehn erst zur Weide,
Die seinigen kehren schon um.

Meine Lämmer sind die Gedanken,
Die treib' ich am Abend in's Thal,
Damit sie den Unmuth verlernen,
Und spielen im sonnigen Strahl.

Wohlauf, meine lieben Gedanken,
Und schweift nach Belieben umher,
Durchstreift in behaglichem Fluge
Der Wiesen balsamisches Meer!

Durchscherzet die Erlen am Bache,
Durchplätschert die Wellen des Stroms,
Erfreut euch auf lustigem Felse
Des heiteren, himmlischen Dom's!

Wohlauf, meine lieben Gedanken,
Und weidet euch satt an dem Glück,
Und kehrt in die Hürde des Busens
Nicht und nicht stumm mir zurück!