Johann Gabriel Seidl

Auf der Alpe

Wenn ich im tiefen Thale stehe,
Und schwindelnd anf zur Alpe sehe,
Die weiß hineinragt in dasBlau,
Dann will es drückend mich beengen,
Dann treibt mich ein unendlich Drängen
Empor aus diesem Nebelgrau.

Dort, wo in unermeßner Weite
Nichts über mir, nichts mir zur Seite,
Nichts höher gegenübersteht;
Wo all' die Höh'n, die ich erstiegen,
Demüthig mir zu Füßen liegen,
Dort möcht' ich hinknie'n im Gebet!

Dor, über'm düstren Thalgewimmel,
Dort fühlt' ich näher mich dem Himmel,
Nichts liegt dort zwischen ihm und mir;
Kann's irgendwo im Erdenleben,
So muss das Herz sich dort erheben,
Dort bin ich groß, — klein bin ich hier!

Und in der Seele den Gedanken
Macht' ich mich auf, klomm ohne Wanken
Den steilen Schwindelpfad hinan,
Setzt' über schwarze Todesschlüfte,
Und grub mir in den Schnee der Klüfte
Mit sichrem Fuß die schmale Bahn.

Jetzt auf des Kammes höchster Spitze,
Schon weithin über'm Wolkensitze,
Stand ich im Morgensonnenschein;
Die Berge, die mir Riesen schienen,
Wenn ich vom Thal aus sah zu ihnen,
Sie schrumpften hier zu Zwergen ein.

Rund um mich her das luft'ge Freie,
Von mir bis in des Himmels Bläue
Nicht eine Zwischenstufe mehr. —
Doch herbe Täuschung! Statt erhoben
Fühlt' ich gedrückter bald mich oben,
Und höhnend hing der Himmel her.

Mir war's, als hört' ich zürnend rufen:
»Hinab! Hier fehlen dir die Stufen!
Glaubst du der Himmel sei so nah'?
Bleib' du in deiner Tiefe drunten:
Denn fühlt dein Herz sich klein dort unten,
Noch kleiner wahrlich fühlt sich's da!«