Johann Gabriel Seidl

Der ernste Musikant

Es war in einer Schenke;
Viel Zecher rings herum,
Der Eine machte Schwänke,
Die Andern saßen stumm.

Man sah wol au den Mienen
Sein Handwerk jedem an:
So saß ich unter ihnen,
Ein abgeschiedner Mann.

Da schlendert' es zur Thüre
Mit Flöt' und Geig' herein;
Es waren ihrer Viere,
Sie spielten viel und fein.

Der Eine mit der Flöte,
Der trank nach jedem Lauf;
Ihm stieg, als Morgenröthe,
Der Wein im Antlitz auf.

Er blies nur, um zu trinken,
Und trank nur, weil er blies,
Nach seinem Gutbedünken
War er im Paradies.

Der Geiger zog den Bogen,
Als schnitt' er Butterbrot;
Er schlug durch Dreh'n und Wogen
Das Flötensolo todt.

Und flogen so die Finger
Den Schwindelsteg empor,
Da war der Tonbezwinger
Ganz Wollust und ganz Ohr.

Der alte Bratschenspieler
Bewegte kaum die Hand;
So recht ein ruhig kühler
Gewohnheitsmusikant.

Der Vierte bei dem Basse
Der brummte nur so drein,
Als göß' er in die Masse
Der Lust den Ernst hinein!

Er macht der Walzer Zungen
Mit einem Klapse schwer;
Die Andern sind die Jungen,
Der alte Herr ist — er!

Das scheint er auch zu fühlen,
Er würdigt seinen Baß,
Und mitten unter'm Spielen
Wird oft das Aug' ihm naß.

Und als ich drum ihn fragte,
Da er zu sammeln kam,
Stand er verblüfft und wagte,
Die Antwort nicht vor Scham.

Und als ich wieder fragte,
Warum sein Auge feucht,
Da lächelt' er, und sagte:
»Man spielt sich oft nicht leicht!

Mein Weib liegt anf dem Laden,
Ich seh' es nimmermehr!
Drum spiel' ich, Euer Gnaden,
Heut' Walzer etwas schwer!«