Johann Gabriel Seidl

Die Begegnung

Es war in der Fremdenstube, —
Nichts ahnend trat ich hinein;
Da saß abseit in dem Winkel
Ein schönes Mädchen allein.

Mir war's wie eine Erscheinltng,
Der Gruß erstarb mir im Mund,
Sie blickte mich an, — es drang mir
Zu tiefst in deS Herzens Grund.

Ich weiß nicht, wohin mir die Fassung
Beim Blick des Mädchens entfloh:
Ich sah noch nie so ein schönes,
Oder nie ein schönes noch so.

Dieser Zug unsäglicher Wehmuth,
Diese Mahnung an's Welken im Blüh'n,
Ließ, was ich gedämpft schon glaubte,
Vom Neuen die Brust mir durchglüh'n.

Wir verloren kein Wort mit einander,
Ein Blick war's und ein Verstehn,
Es glich im ersten Erkennen
Einem letzten Wiederseh'n. —

Da trat ein Mann in die Stube,
Ein blasser, verkümmerter Mann;
Er herrschte das sinnende Mädchen
Mit kurzem Machtwort an.

Sie folgt' ihm mit einem Blicke,
Den ich so ganz verstand; —
Da rollte vors Haus ein Wagen,
Und Mann und Mädchen entschwand. —

Ich träumte von diesem Mädchen
Wol manche — manche Nacht;
Sie hat wol in ihren Träumen
Gewiß auch an mich gedacht!

Und wenn ich nun so erwachte,
Da focht es immer mich an,
Als wär' es mit diesem Träumwn
Denn doch nicht abgethan.