Johann Gabriel Seidl

Am Morgen

Flohst du wieder, stille Feier,
Die so mild mein Aug' umschwebt,
Und mit Träumen ihren Schleier,
Wie mit Sternen, sich durchweht?
Hast du wieder, goldner Morgen,
Deine Fackel ausgesteckt?
Hast du sie zu Lust und Sorgen
Alle wieder aufgeweckt?

Liebend grüß' ich dich im Kommen,
Fasse gläubig deine Hand,
Hoffe daß du mich zum Frommen
Führen wirst am Gängelband.
Deine Rosen zeigen Sehnen,
Deine Lüftchen — Seufzer an,
Und dein Tau — geliebte Tränen,
Und dein Nebel — süßen Wahn.

Doch der Flor sei nicht zerrissen,
Der dich noch verbirgt vor mir!
Eins laß erst voraus mich wissen,
Alles Andre schenk' ich dir.
Werd' ich heut auch ihr begegnen,
Werd ich sie auch heute sehn?
Wird ihr Blick mich wieder segnen,
Ohne selbst es zu versteh'n?

Wird er's? — O so spann' die Flügel
Schneller als der Blitz mir aus,
Laß geschwind durch Tal und Hügel
Aufblüh'n deinen Flammenstrauß!
Unerträglich Träger, eile,
Tag, vertreib' das Morgenrot!
Jede Stunde wird zum Pfeile,
Jeder Augenblick ein Tod.

Soll ich aber sie nicht sehen, —
O so zögre, böser Tag!
Nacht, kehr' um mit deinem Wehen,
Wo ich von ihr träumen mag.
Denn entrisse mir die Sonne,
Was im Schlummer dauernd mein,
Dann ist Träumen — Himmelswonne,
Dann ist Wachen — Höllenpein!