Johann Gabriel Seidl

Ganze Hilfe

Als ich dir mein Leid geklagt,
Hast du tröstend mir gesagt:
»O ich weiß das, solche Schmerzen
Kommen von zu vollem Herzen.

Mitgeteilt den Überschwang,
Abgeschüttelt diesen Zwang,
Dieses Pochen ausgesprochen,
Dieses Schwelgen unterbrochen!

Anvertraut so Leid, als Lust
Einer andern treuen Brust!
Was das Herz auch duldend hege,
Es genest aus diesem Wege!« —

Habe Dank für deinen Rat,
Ja — so ist es in der Tat!
Wer auf solchem Wege ginge,
Würd' in Kurzem guter Dinge.

Aber sieh', da bin ich dran,
Wie ein kranker Wandersmann,
Der bei fernem Glockenschalle
Zweifelnd steht, wohin er walle.

Endlich schreitet wer vorbei,
Merkt ihm's ab, wie krank er sei,
Naht und fragt ihn: »Hört ihr's läuten? —
Dahin rat' ich euch zu schreiten!

Diesen Klängen pilgert zu,
Dort ist Lager, Labung, Ruh',
Dort mag von der Reise Wunden
Euer Leib und Geist gesunden!« —

Lächelnd spricht der Wandersmann:
»Ach, ihr sagt den Weg mir an;
Soll ich euch als Retter preisen,
Müßt ihr wohl den Weg mir weisen!«

Wie der kranke Wandersmann
Bin auch ich, mein Kind, daran;
Sag' mir nicht den Weg zur Pflege,
Führe selbst mich auf dem Wege!