Johann Gabriel Seidl

Abschied

Es ist nun einmal so gekommen,
Ich bleib' allein, — du gehst von hier;
Halb wird das Leben mir genommen,
Doch leben werd' ich, glaube mir!

Ein dünner Faden ist das Leben,
Doch aber zäh', unendlich zäh',
Er überdauert Lust und Beben,
Er überdauert Wohl und Weh'.

Darum entschlage dich des Bangens,
Zieh' ruhig, — frage nicht um mich;
Trotz alles Hangens und Verlangens
Werd' ich auch leben ohne — dich!

Sieh' jenen Vogel dort im Bauer,
Man grub ihm beide Augen aus,
Und dennoch lebt er, lebt in Trauer,
Und horch! er singt in seinem Haus.

Tritt hin, vermehre seinen Jammer,
Schlag' ihm die Flügel auch entzwei;
Er lebt noch, hüpft in finstrer Kammer,
Und singt ein Schmerzenslied dabei.

Und so gedenk' auch ich zu leben,
Beraubt zwar meines Augenlicht's,
Zu schwach, die Schwingen mehr zu heben,
Doch leben werd' ich, — fürchte nichts.

Und so gedenk' auch ich zu singen
Ein Schmerzenslied, ein Lied von dir,
Das mir ersetze Licht und Schwingen —
Ich werde leben, — glaube mir! —