Johann Gabriel Seidl

Die Eintagsfliege

Halt' ein, was willst du tun, sie morden?
Grausamer, weißt du, was du tust?
Ein Tag ist ihr zu Teil geworden,
Ein Tag des Leid's, ein Tag der Lust!

Was uns Jahrzehnte sind hienieden,
Die flüchtige Sekund' ist's ihr!
Ein Unmaß Zeit ist uns beschieden,
Bedenk', — mit Jahren prassen wir!

Und doch, wenn Jemand zu dir träte,
Zu dir, wenn längst dein Haar gebleicht,
Und dich um eine Stunde bäte:
»Gib, du bist alt — du gibst sie leicht!« —

Du würdest jammern, und dich sträuben,
Und klagen über Grausamkeit:
»Heb' dich hinweg, ich will noch bleiben,
Ich habe noch zum Tode weit!«

Und du willst diese Fliege morden,
Weil du in übler Laune bist,
Sie, welcher nur ein Tag geworden,
Der eine Sonn' ihr Dasein mißt?

O laß sie leben, laß sie schweben,
Bis ihre Feierstunde schlug:
Ihr Himmel ist ein Eintagsleben,
Ihr Paradies ein Abendflug.

Hast ohnehin dich schwer vergessen,
Nahmst doch (dir scheint's ein Augenblick)
Ihr nach dem Maß, das ihr bemessen,
Mehr als ein Jahr von ihrem Glück!