Johann Gabriel Seidl

Am Krankenbette

Gott! da liegt er auf dem Lager,
Matt und traurig, bleich und hager,
Ganz ein Andrer, als zuvor;
Selbst der Sonne milden Schimmer
Tragen seine Augen nimmer;
Freundeswort verletzt sein Ohr.

Wermutstropfen muß er nippen
Mit den blassen, durst'gen Lippen,
Modrig weht es um ihn her;
Sein Gefühl ist abgestorben,
Und sein schöner Bau verdorben,
Kaum der Welt gehört er mehr.

O genug der Prüfung, Vater!
Sei sein Arzt und sein Berater,
Weck' ihm den erloschnen Blick!
Schenk' ihm einen Teil der Buße,
Und mit einem Geisterkusse
Küss' ihn in die Welt zurück!

Laß ihn diesmal noch in's Leben
Sein gesunknes Haupt erheben.
Ach, er ist ja immer dein!
Sieh! an seinen Blicken hangen
Andre Blicke noch mit Bangen,
Und er stirbt nicht sich allein!

Ach, es werde, was an Freuden
Wir vielleicht noch einst vergeuden,
Uns im voraus weggezahlt!
Nimm es, Vater, und ergänze
Mit den Blüten unsrer Kränze,
Was an seinem Kranze fehlt!