Johann Gabriel Seidl

Abendgebet

»Herr, bleib' bei uns, denn es will Abend werden!«
Die Sonne schien so freundlich und so hell.
Des Friedens Flamme brannt' auf unsren Herden,
Und unsre Stunden flossen leicht und schnell.
Nun aber neigt die Sonne sich zum Sinken,
Der Tag verdämmert, trübe Stunden nah'n;
Kein Strahl des Lichtes will uns tröstlich winken,
Durch düstre Nebel schlingt sich unsre Bahn;
Wir steh'n gebeugt von Ahnung und Beschwerden, —
»Herr bleib' bei uns, denn es will Abend werden!«

»Herr, bleib' bei uns, denn es will Abend werden!«
Der Will' ist stark, allein das Fleisch ist schwach;
Den Stamm der Eiche kann der Sturm gefährden,
Der Blitz zerspaltet selbst ein ehern Dach.
Der Sturm, der uns ergreift, das ist die Sünde,
Der Blitz, der uns bedroht, das böse Wort
O gib, daß man nicht unbewacht uns finde,
Sei in der Zeit der Prüfung unser Hort!
Wir sind allein so scheu, so schwach auf Erden, —
»Herr, bleib' bei uns, denn es will Abend werden!«

»Herr, bleib' bei uns, denn es will Abend werden!«
Die Zeit des Lebens ist ein kurzer Tag;
Ob wir noch jetzt uns frisch und froh gebärden,
Bald hämmert leiser unsres Herzens Schlag.
Die Haare werden grau, die Augen trüber,
Die Sehnen schlaffer und die Wangen bleich;
Ein kaltes Lüftchen streicht an uns vorüber,
Und mahnt uns an den letzten Hammerstreich;
Die Zeit ist für uns abgerollt auf Erden: —
»Herr, bleib' bei uns, denn es will Abend werden!«