Johann Gabriel Seidl

An meinen Schutzengel

Engel, den mir Gottes Hand an die Wiege schon gesendet,
Daß er, wenn die Mutter schliefe, mein getreuer Wächter sei,
Engel, der du nie mir logst, wenn ich mich zu dir gewendet,
Bleib' in Leiden, bleib' in Freuden, auch noch ferner mir getreu!

Warne mich durch Freundeshand, sprich mit mir im Abendwehen,
Lächle mir in klaren Nächten mild herab vom Sternenplan!
Laß im Sturm, im Orgelklang deine Stimme mich verstehen,
Sprich aus meiner Kinder Kosen, aus der Gattin Aug' mich an!

Und wenn einst die Stunde kommt, wo verweh'n des Lebens Szenen,
Dann, o Engel, treuer Schützer bis zum Eingang in die Ruh',
Trockne mit der Rechten noch meiner Lieben heiße Tränen,
Und mit deiner Linken drücke freundlich mir die Augen zu!