Johann Gabriel Seidl

Weihnacht

Als ich ein kleines Kind noch war
Voll unbewußter Fröhlichkeit,
Da freut' ich mich von Jahr zu Jahr
Auf dich, o stille Weihnachtzeit!

Da sah ich Wochen lang vorher
Am hellen Tag, im süßen Traum,
Wohin ich sah, nichts Andres mehr,
Als dich, du schöner Weihnachtbaum!

Warum die Zeit, warum der Baum
Mir eben gar so wohlgefiel,
Ich wüßt' es nicht, ich ahnte kaum
Den Ernst im heitren Kinderspiel.

Die Jugendzeit sie ist dahin,
Die Fröhlichkeit sie ist verrauscht,
Und älter — kälter hat mein Sinn
Mit Ernst das heitre Spiel vertauscht.

Und doch, wenn durch die Mitternacht
Die Glocke schallt dem Christ zur Ehr',
Und Lichtlein glüh'n in stiller Pracht,
Da wird noch jetzt das Herz mir schwer.

Da wird das Herz vor Wehmut schwer,
Und lebt zurück in's Kinderglück,
Und ahnt den hoben Ernst nunmehr,
Der dort als Spiel erschien dem Blick.

Nun winkt, an bunten Flitter's Statt,
Des Glaubens Frucht in heil'ger Ruh',
Der Liebe Stern, der Hoffnung Blatt,
Von dir, o Weihnachtbaum, mir zu.

Und was mich einst als Kind erfreut,
An dir, o stille Weihnachtzeit,
Ich fühl's mit jedem Jahr erneut,
Es ist: »Die Glaubensfröhlichkeit!«