Johann Gottfried Seume

Abendlied

Nach einer alten bekannten Melodie

Was quäl ich mich, wie es dort draußen steht,
Wenn's leidlich nur von innen geht?
Und was kümmert's mich, was man am Jaik befiehlt?
Stehlen wird man immer, gleichviel, wie man stiehlt!
Rechtlich und vernünftig
Bleiben ewig künftig,
Und man würfelt mit dem Augenblicke.

Als Jüngling war ich plötzlich Flamm und Glut,
Doch legt sich nach und nach das Blut.
Wen bei jeder Schurkerei ein Ärger trifft,
Wird umsonst am Ende lauter Gall und Gift;
Und die Gauner glotzen
Hämischer und trotzen
Zähnefletschend nur mit Hohngelächter.

Was will denn ich Ephemeridending,
Da mancher Staat zugrunde ging?
Daß man mir zuweilen Lieb und Freundschaft log,
Nimmt mich's Wunder, da wo man so viel betrog?
Wo uns nur Harpyen
Um den Schädel ziehen,
Von dem Indus bis zum Oronoco?

Wer wagt es hier und will vernünftig sein?
Der wag es auch und steh allein!
Wem der Göttin milder Himmelsblick gefällt,
Suchet sie umsonst bei uns auf dieser Welt,
Denn vor jedem Fenster
Lauern Spottgespenster,
Die am Mittag wie im Finstern schleichen.

Wer hoffnungsvoll noch in das Leben tritt,
Der firlefanze blindlings mit!
Maß er sich auf seiner ebnen Bahn ein Ziel,
Denk er lieber stets zu wenig als zu viel,
Helfe zu dem Reigen
Dideldumdum geigen;
Und es dreht sich alles in der Schnurre.

Mein Lauf ist bald barock genug vollbracht,
Bald schlägt's vielleicht mir Gute Nacht;
Um die Schläfe wird auch schon das Haar mir weiß,
Gar nicht lange dauert's mehr, so bin ich Greis;
Dann kommt mit der Sichel
Hein und mäht den Michel
Und bugsiert ihn hinter die Gardine.