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Das Gedicht „Abenddämmerung“ stammt aus der Feder von Christian Morgenstern.

I.

Wie lang nun schon die Dämmrung wieder
Die grossen Augen offen hält!
Ich fühle fast die schweren Lider,
Die halber Schlummer schon befällt -
Und doch, trotz allem Drosselschlag,
Noch nicht zum Sinken bringen mag.

Du zagst, den Leuchter zu entzünden,
Und wartest, grossgeäugt, auch du,
Und starrst, wie sie, den bleichen Gründen,
Darin ein Weltall schlummert, zu,
Darin Besonnte mit Besonnern
In noch verborgnem Taumel donnern.

Doch bald ergrünt ein Stern im Hellen,
Und langsam lischt ihr Wachen hin ..
Und hunderttausend Früchte schwellen
Zu Häupten einer Träumerin:
Als hätte sie ihr Blick gereift -
Die Fülle, die kein Mass begreift.

II. (In Phanta’s Schloß)

Eine runzelige Alte,
schleicht die Abenddämmerung,
gebückten Ganges
durchs Gefild
und sammelt und sammelt
das letzte Licht
in ihre Schürze.

Vom Wiesenrain,
von den Hüttendächern,
von den Stämmen des Walds,
nimmt sie es fort.
Und dann
humpelt sie mühsam
den Berg hinauf
und sammelt und sammelt
die letzte Sonne
in ihre Schürze.

Droben umschlingt ihr
mit Halsen und Küssen
ihr Töchterchen Nacht
den Nacken
und greift begierig
ins ängstlich verschlossene
Schurztuch.

Als es sein Händchen
wieder herauszieht,
ist es schneeweiß,
als wär es mit Mehl
rings überpudert.

Und die Kleine,
längst gewitzt,
tupft mit dem
niedlichen Zeigefinger
den ganzen Himmel voll
und jauchzt laut auf
in kindlicher Freude.
Ganz unten aber
macht sie einen großen,
runden Tupfen -
das ist der Mond.

Mütterchen Dämmerung
sieht ihr mit mildem
Lächeln zu.
Und dann geht es
langsam
zu Bette.

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