Sophie Albrecht

Verzweiflung unterm Monde

Da schwimmt er lachend ruhig durch die Sterne,
Der stille Mond auf seiner Wolkenbahn,
Hüpft über Gräber, schleicht durch Blüthen-Lauben,
Sieht Freuden ruhig den Zerstörer nah'n.

Ha, dich! dich konnt' ich einst als Zeugen ehren,
Da mir die Freude heil'ge Treue schwur?
Dich, Heuchler! konnt' ich zum Vertrauten wählen
Vor allen Wesen rings in der Natur?

Als er und ich in süßer Herzensfülle
Ein Bündniß küßten für die Ewigkeit;
Dir schenkten wir den Blick in jene Scene
Und nannten sie: von deinem Strahl geweiht! -

Wollüstig schwammst du in der heißen Stunde,
Wie sie dein Blick Jahrhunderte nicht sah;
Wie rein, wie voll, wie näher dieser Erde,
Wie mitempfindend, Heuchler, schienst du da!

Wir freuten uns des hohen Himmels-Zeugen,
Der nur für uns so freundlich niedersah,
Und küßten keuscher in der Strahlentrauung,
Und glaubten uns dem Himmel selber nah. -

Schon lange sahst du uns nicht mehr wie damals,

Schon manche Nacht sank mir von Thränen schwer,
Vereinsamt, nicht von seinem Arm umschlungen,
Wank' ich in diesem Blüthen-Thal umher. -

Ach, jede Stelle nennt gestorbne Freuden,
Und führt mir peinlich die Erinnrung vor;
Tieftraurend wein' ich in die kalte Asche
All' meines Reichthums, den ich hier verlor.

Kein Auge weint mit mir um meine Leiden,
Ich suchte Trost und Mitgefühl bei Dir;
Ha! Falscher! Kalt und ruhig blickst du nieder,
Kein Wölkchen trübt die freche Stirne Dir.

Du schwimmst so leicht in unsrer Trennungszähre,
Du scheinst so hell in meines Jammers Nacht,
Als wär' es unsers Wiedersehns Minute. -
Weg, frecher Mond, der meiner Leiden lacht. -

Verhülle dich in deine dicht'sten Schleier,
Die Täuschung flieht, ich seh dich wie du bist.
Ein kalter Erdball, wo, wie hier auf Erden,
Der Tugend Thräne, Blut der Unschuld fließt. -

Was meine Phantasie einst Lächeln nannte,
Sind kahle Berge, wo der Müde sinkt.
Dort ragen Scheiterhaufen, Rabensteine,
Wo man dem Fanatismus Opfer bringt.

Was ist der Stirn und Wange Silberglätte? -
Ein wildes Meer, wo Todesröcheln rauscht. -
Und deine Locken? – Schwarze tiefe Wälder,
Wo Schlang' und Tiger auf die Beute lauscht. -

Verläumdung, Bosheit, arg bethörte Liebe,
Und alle Qualen, die mein Herz empfand,
Schließt deine Gränze in gestohlne Strahlen,
Die ich Betrogne friedevoll genannt.

Vernichten will ich dir gesungne Lieder,

Kein Kranz, kein Blümchen schmücke den Altar,
Den thöricht wir dem kältsten Götzen bauten,
Der einst getäuschter Herzen Zeuge war.