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Das Gedicht „An die Seherin von Prevorst“ stammt aus der Feder von Justinus Kerner.

Noch liegst du, aber laß mich dein Schicksal nicht beklagen,
Das Auge Gottes seh' ich durch deine Nächte tagen,
Denn als die Welt da draußen zerronnen dir in Nacht,
Hat sich dir jene Helle im Innern angefacht;

Da ward dir offenbaret in lichtgewobnen Kreisen
Des Innern geist'ges Wesen, was Geist und Seele heißen,
Wie sie sich trennen, suchen, vereinigen im Tod,
Das Auge bricht, doch innen aufsteigt ein Morgenrot;

Wie eine Gnadensonne dem innern Auge scheint,
Hat sich das äußre Auge in Sehnsucht trüb geweint;
Die helle Friedenstaube ob Tränenfluten schwebt,
Das Böse sinkt als Schwere, das Gute licht sich hebt.

So konntest du ertragen der langen Krankheit Pein,
Den wilden Sturm da draußen im innern Sonnenschein,
Der Menschen harte Reden, die dich erkannten nie,
Bei sanften Flötentönen der innern Harmonie.

Und sollst du nicht genesen, bis daß dein Auge bricht,
Bleib' ihm das Licht, das leuchtend von geist'gen Sonnen spricht,
Der Faden deiner Hülle, der seidne, leis zerreißt,
Und du hast nicht zu sterben, weil du schon jetzt ein Geist.

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