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Das Gedicht „An Tommaso de’ Cavalieri“ stammt aus der Feder von Michelangelo Buonarroti.

1

Hätt ich geahnt, als ich zuerst Dich schaute
dass mich die warme Sonne Deiner Blicke
Verjüngen würde und mit dem Geschicke
Feuriger Glut im Alter noch betraute,

Ich wäre, wie der Hirsch, der Luchs, der Panther
Entflohen jeder schnöden Schicksalstücke
und wäre hingeeilt zu meinem Glücke,
Längst wären wir begegnet dann einander!

Doch warum gräm ich mich, wo ich nun finde
In Deinen Engelsaugen meinen Frieden,
All meine Ruhe und mein ganzes Heil?

Vielleicht wär damals mir dies Angebinde
noch nicht geworden, das mir nun beschieden,
Seit Deiner Tugend Fittich ward mein Teil

2

Du weißt, Herr, dass ich weiß, wie sehr du weißt,
daß ich, um dich zu fühlen, dich erreiche,
und weißt, ich weiß, du weißt, ich bin der Gleiche:
was ists, das uns im Grusse zögern heißt?

Ist wahr die Hoffnung, die du mir gebracht,
und wahr der Wunsch und sicher, dass er gelte,
so bricht die Wand, die zwischen uns gestellte,
verhehltes Wehe hat nun doppelt Macht.

Wenn ich an dir nur liebe, was auch du
am meisten an dir liebst, Herz, zürne nicht.
Das sind die Geister, die sich so umwerben.

Was ich begehr in deinem Angesicht,
dem sehn die Menschen unverständig zu,
und wer es wissen will, der muß erst sterben.

Quelle: Das Sonett (Kategorie: Liebe & Zuneigung) wurde übersetzt von Rainer Maria Rilke (siehe auch dessen Gedicht "Das waren Tage Michelangelo's").

Anmerkung: Tommaso de’ Cavalieri (1509 - 1587) war ein italienischer Zeichner und Kunstsammler. Über seine Herkunft und eine mögliche erste Ausbildung ist nichts bekannt. Ab dem Jahr 1532 erlernte er bei Michelangelo Buonarroti die Kunst des Zeichnens, in der er einige Meisterschaft erreichte. Aus dem Lehrer-Schüler-Verhältnis entwickelte sich in den Folgejahren eine feste Freundschaft, die ihm eine große Reputation einbrachte.

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