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Das Gedicht „Aspasia“ stammt aus der Feder von Christoph Martin Wieland.

Aspasia oder Die platonische Liebe

Vorbericht: Dieses Gedicht lag (beinahe so lang als Horaz will, dass ein jeder Dichter seine Werke zurück halten soll) unter einem Haufen von Konzepten, Skizzen, Torso’s u. s. w. zur Vergessenheit verurteilt; und dort würden wir es ruhig haben vermodern lassen, wenn nicht gewisse neueste Begebenheiten (von welchen wir vielleicht künftig unsern Lesern umständliche Nachricht mitteilen können) Witz und Laune aufzufordern schienen, eine Schwärmerei, welche durch die Ansteckung gefährlicher werden könnte, als viele sich vorstellen, durch die einzigen Mittel, die von je her gegen diese Krankheit bewährt erfunden worden, durch Scherz und Ironie anzugreifen. In dieser Rücksicht hat man nicht übel zu tun geglaubt, wenn man diese scherzhafte Erzählung - weil sie doch einmal da war - aus dem Staube hervorzöge, in den Merkur einrückte, und wirken ließe was sie kann. Vor der Beschuldigung unlautrer Absichten hoffen wir, wenigstens von Seiten aller Vernünftigen, sicher zu sein: und den Nattern, wer wollte diesen wehren, aus allem Gift zu ziehen, oder alles mit ihrem eigentümlichen Gift zu begeifern? - Übrigens finden wir noch nötig anzumerken, dass, da dieses Gedicht schon vor mehrern Jahren verurteilt worden war unterdrückt zu werden, einige Stellen und Züge desselben, welche um Gnade zu bitten schienen, in den Combabus und in den Amadis aufgenommen worden. Erinnert man sich nicht, sie schon gelesen zu haben; desto besser! Erinnert man sich dessen, so wird die Vergleichung zeigen, daß sie hier an ihrem eigentlichen Orte stehen.


Schön, liebenswert, mit jedem Reiz geschmückt
Der Aug’ und Herz und Geist zugleich entzückt,
An edlem Bau und langen blonden Haaren
Der schönsten Frau in Artaxatens Reich,
An Grazien nur Amors Mutter gleich,
Sah sich, im Flor von fünf und zwanzig Jahren,
Aspasia zum priesterlichen Stand
Aus eines Helden Arm, aus Cyrus Arm, verbannt.
    Es hatte zwar zu Ekbatane
(So hieß ihr Sitz) die Oberpriesterin
Der stets jungfräulichen Diane
Die Majestät von einer Königin,
Ihr Kerker war ein schimmernder Palast,
Ihr Zimmer ausgeschmückt mit Indischen Tapeten;
Und, ihr Brevier gemächlicher zu beten,
Schwoll unter ihr mit Polstern von Damast
Der weichste Kanapee. Auch hielt die Frau im Beten
(Wie billig) Maß, aß viel und niedlich, trank
Den besten Wein, den Kos und Zypern senden,
Und, wenn sie sich zur Ruh begab, versank
Die schöne Last der wohl gepflegten Lenden
In Schwanenpflaum: und doch, bei frischem Blut
Und blühendem Gesicht, schlief sie - nur selten gut.

Man glaubt, der Stand der Oberpriesterinnen
Sei diesem Ungemach vor andern ausgesetzt.
Vergebens hoffen sie mit ihren andern Sinnen
Was Einem abgeht zu gewinnen;
Durch alle fünfe wird der sechste nicht ersetzt.

Die Stoa lehrt uns zwar, wir können was wir wollen;
Allein dem Prahlen bin ich gram.
Aspasien hätte man, eh’ sie den Schleier nahm,
Vorher im Lethe baden sollen.
Liegt’s etwa nur an ihr, sich nicht bewusst zu sein?
Und kann man stets der Fantasie gebieten?
Sie mag sich noch so sehr vor Überraschung hüten,
Gebärde, Kleidung, Blick, mag noch so geistlich sein;
Man ist deswegen nicht von Stein.
Oft fällt im Tempel selbst, bei ihrer Göttin Schein,
Ein weltlicher Gedank’ ihr ein:
»So schien durch jenen Myrtenhain,
Wo Amorn über sie der erste Sieg gelungen,
Der stille Mond!« - Was für Erinnerungen!
An solchen Bildern schmilzt der priesterliche Frost.
Diana selbst, um ihr die Strafe gern zu schenken,
Darf an Endymion nur denken.
Ein Priester hälfe sich vielleicht, in süßem Most
Versuchungen, wie diese, zu ertränken:
Doch, wenn ich recht berichtet bin,
Schlägt dies Rezept nicht an bei einer Priesterin,
Galenus sagt: das Übel quille
Bei dieser aus der Herzensfülle.
Nichts hemmt und alles nährt bei ihr die Fantasie;
Die Einsamkeit, die klösterliche Stille,
Die Andacht selbst vermehrt, ich weiß nicht wie,
Den süßen Hang zu untersagten Freuden.
Muß Amor gleich Dianens Schwelle meiden,
Ist ihre Stirne gleich verhüllt:
Ihr Herz, von dem was sie geliebt erfüllt,
Läßt sich davon durch keine Gitter scheiden,
Und sieht im Mithras selbst des schönen Cyrus Bild.

Mit einem Wort: ihr ging’s nach aller Nonnen Weise.
Die gute Priesterin gestand sich selbst ganz leise,
Es irre, wer sie glücklich preise.
Die Schäferin, die, statt auf Sammt und Flaum
Im dunkeln Busch auf weiches Moos gestrecket,
Ihr junger Hirt leibhaftig, nicht im Traum,
Mit unverhofften Küssen wecket,
War, wenn sie schlaflos sich auf ihrem Lager wand,
Oft ihres Neides Gegenstand.

Doch (wie uns die Natur für alle kleine Plagen
Des Lebens immer Mittel weist)
Auch unsre Priesterin fand endlich das Behagen,
Das ihr Gelübd’ und Zwang versagen -
Wo, meint ihr wohl? - in ihrem Geist!

Der Zufall führt ihr einen Magen
Vom Strand des Oxus zu. Es war in seiner Art
Ein seltner Mann, wiewohl noch ohne Bart,
Von Ansehn jung, doch altklug von Betragen;
An Schönheit ein Adon, an Unschuld ein Kombab;
Bei Damen, denen er sehr gern Besuche gab,
Kalt wie ein Bild von Alabaster;
Doch seelvoll, wie ein Geist in einem Luftgewand,
Und mit dem unsichtbaren Land
Beinahe mehr als unsrer Welt bekannt;
Mit Einem Wort: ein zweiter Zoroaster!

Ein Weiser dieser Art schien wirklich ganz allein
Für eine Priesterin, wie sie, gemacht zu sein.
Er sprach von dem, was in den Sphäre
Zu sehen ist, mit aller Zuversicht
Der Männer, die, versengt an Angesicht
Und an Gehirn, vom Land der fabelhaften Seren,
Gebläht mit Wundern, wiederkehren.

Der Weg - nur bis zum nächsten Stern,
Ist ziemlich weit, wie uns die Sache lehren:
Drum lügt sichs gut aus einer solchen Fern;
Und was er ihr erzählt - setzt, daß es Märchen wären -
So wünscht man’s wahr, und glaubt es gern.
Wie dem auch sei, die Luft der idealen Sphäre
Bekam Aspasien gut; sie ward in kurzer Zeit
So schön davon! Ihr ist, es werde
So leicht ihr drin, so wohl, so weit
Ums Herz, daß ihr der Dunstkreis unsrer Erde
Bald grauenhafter scheint als eine Totengruft.

Die vorbesagte Luft
Hat eine sonderbare Tugend
Mit Lethe’s Flut gemein.
Aspasia sog darin von ihrer freien Jugend
Ein gänzliches Vergessen ein.
Bald wurde selbst an jenen Myrtenhain,
Wo sie dem Liebesgott ihr erstes Opfer brachte,
Nicht mehr gedacht, als an ein Puppenspiel,
Das ihr vordem die Kindheit wichtig machte.
Ihr schien die Welt und was ihr einst gefiel
Ein Traum, woraus sie eben jetzt erwachte.
Ihr Geist (der ganz allein jetzt alles bei ihr tat,
Was bei uns andern pflegt mechanisch zuzugehen)
Sah in der neuen Welt, in die er wundernd trat,
Rings um sich nichts als - Geister und Ideen.
Doch führt Herr Alkahest (so hieß der Weise) sie
Nicht so geradezu ins Land der Fantasie.
Ihr neu geöffnet’ Aug ertrüge (wie er spricht)
Den unsichtbaren Glanz des Geistesreiches nicht.
Erst läßt er (wie ein weiser Okuliste
In solchem Fall verfahren müßte)
Von dem, was wahr und immer schön
Und selbstbeständig ist, ihr nur die Schatten sehn,
Die auf den Erdenklos, auf dem wir alle wallen,
Herab aus höhern Welten fallen;
Denn was uns Wesen heißt, ist bloßer Wiederschein.
So mahlen sich im majestät’schen Rhein,
Indem er stolz mit königlichem Schritte
Das schönste Land durchzieht, bald ein bejahrter Hain,
Bald ein zertrümmert Schloß, bald Hügel voller Wein,
Bald ein Palast, bald eine Fischerhütte.

Nachdem in weniger als einem Vierteljahr
Ihr diese Art zu sehn geläufig war:
Nun war es Zeit zu höhern Lehren!
Nun wies ihr Alkahest die edle Kunst - zum Sehn
Der Augen gänzlich zu entbehren.
Notwendig mußte dies ein wenig langsam gehn.
Erst sah sie - nichts. Doch nur getrost und immer
Hinein geguckt! Schon zeigt ich weiß nicht welcher Schimmer
Von ferne sich. Was kann ein fester Vorsatz nicht!
Zusehens öffnet sich ihr innerlich Gesicht
Dem nicht mehr blendenden unkörperlichen Licht;
Dem Element ätherischer Geschöpfe.
Sie sieht - o welche Augenlust! -
Sie sieht bereits die schönsten Engelsköpfe
Mit goldnen Flügelchen; bald wächst die schönste Brust
An jeden Kopf; an jeden Busen schließen
Sich schöne Arme an. Zuletzt stehn Geister da,
(So geistig als Aspasia
Sie immer glaubt) vom Kopf bis zu den Füßen
Den schönsten Knaben gleich, die man sich denken kann:
Doch da es Geister sind, macht sie sich kein Gewissen
Und sieht sie unerrötend an.

Der Nahme, wie man weiß, tut öfters viel zur Sache.
Vor Alters stellten euch die von Böozien
Drey Klötze auf, und nannten’s Grazien.
Man irrt noch heut zu Tag’ sehr gern in diesem Fache.
Wie mancher sieht bei seinem Trauerspiel
Daß unsre Augen Wasser machen,
Und, überzeugt wir weinen aus Gefühl,
Bemerkt er nicht, wir weinen bloß vor Lachen.
Zwar Tränen sind’s in diesem Falle wie
In jenem, nur die Quelle ist verschieden.
Allein, wie selten gibt auch jemand sich hienieden
Den Quellen nachzuspähen Müh!
Die muntre rasche Fantasie
Hat einen kürzern Weg. Sie giebt den Dingen Nahmen
Nach Willkür und Bequemlichkeit;
Vermenget Wesen, Form, Verhältnis, Ort und Zeit,
Bestimmt den Platz und Wert der Bilder nach den Rahmen,
Und läßt, wie Kinder, gern von jeder Ähnlichkeit,
So plump sie ist, sich hintergehen.

Dies war Aspasiens Fall. Die gute Frau befand
Nur darum sich so wohl im Lande der Ideen,
Weil alles dort dem schönsten Feenland,
Worin von Jugend an sie gern zu irren pflegte,
Dem Land der Fantasie, so wunderähnlich sah.

Ob Alkahest hiervon die Folgen überlegte;
Ob ihm nicht selbst vielleicht was menschliches geschah,
Wovon er Anfangs nicht den kleinsten Argwohn hegte;
Kurz, ob er, ohne die Gefahr
Voraus zu sehn, der Narr von seinem Herzen war,
Getrauen wir uns nicht zu sagen.
Er fing sein Werk so systematisch an,
Daß man zur Not sich überreden kann,
Er habe nichts dabei zu wagen
Vermeint; - wiewohl für einen Mann
Von seiner Gattung gut zu sagen
Bedenklich ist. Genug, Herr Alkahest gewann
Bei seiner guten Art, die Damen
In den Mysterien der Geister einzuweihn.
Von je her, um ein Herz zu überschleichen, nahmen
Die Alkahesten erst das Cerebellum ein.

Die Geister - konnten sie auch wohlerzogner sein? -
Die Geister kamen nun, zwar ohne Fleisch und Bein,
Doch so geputzt als Geister nur vermögen,
In Mäntelchen von Sonnenschein
Aspasien auf halbem Weg entgegen.
Den ganzen Weg zu ihr zurück zu legen,
Dies hieße (meint Herr Alkahest)
Mehr fordern als sich billig fordern läßt.
Man soll vielmehr zu beiden Teilen
Einander gleich entgegen eilen.
Wenn Geister, einer schönen Frau
Zu Lieb’, in Rosenduft sich kleiden:
So ziemt es auch der schönen Frau
Der Geister wegen, selbst mit einem kleinen Leiden,
Von Fleisch und Blut sich möglichst zu entkleiden.
Nichts, dächt’ ich, kann so billig sein!

Aspasia ergiebt sich desto leichter drein,
Da sie dabei an Schönheit zu gewinnen
Die beste Hoffnung hat. Den Salamanderinnen
An Reitzen gleich zu sein, dies ist doch wohl Gewinn
Für eine Oberpriesterin,
Die ihrem Spiegel gegen über
Mit jedem Tag ein Reitzchen welken sieht?
Die unsrige, wie ganz natürlich, glüht
Vor Ungeduld, je schleuniger je lieber
Entkörpert sich zu sehn. Allein Herr Alkahest
Belehrt sie, daß sich hier nichts übereilen läßt.
Das große Werk kann nur durch Stufen
Zur Zeitigung gedeihn. Die erste ist, den Geist,
Der oft zur Unzeit sich am tätigsten erweist,
Von aller Wirksamkeit zum Ruhen abzurufen;
Die zweite, nach und nach ihn von der Sinnlichkeit,
Von dem, worin wir uns den Tieren ähnlich finden,
Selbst vom Bedürfnis, los zu winden;
Die dritte Stufe - Doch, so weit
Kam unser Pärchen nicht. Denn leider! auf der zweiten,
Schon auf der zweiten, glitscht der Fuß den guten Leuten.
Auch ist der Schritt ein wenig dreist,
Wenn man es recht bedenkt. Verwickelt
Im Stoffe, wie wir sind - verstümmelt und zerstückelt
Man leichter sich, als daß man los sich reißt.
Zum mindsten ist den Kandidaten
Des Geisterstandes kaltes Blut
Und Eile langsam! anzurathen:
Denn hier tut Eilen selten gut!

Herr Alkahest, um beim Entkörp’rungswesen
Recht ordentlich zu gehn, fing mit der Tafel an.
Aspasia aß und trank nach Skrupel und nach Gran,
Und nur was ihr der Weise ausgelesen;
Nichts was nicht fein und leicht und geistig, kurz so nah
An Nektar und Ambrosia
Als möglich, war, der ächten Geisterspeise.
Dem Schlummer brach er gleicher Weise
Die Hälfte ab, zumal beim Mondenschein
In schönen warmen Sommernächten;
Nur ließ er sie alsdann, aus Vorsicht, nie allein.

Wir selbst gestehn, wir sind den Sommernächten
Bei Mondschein gut, wiewohl wir dächten
Daß unserm schwärmerischen Paar
Die Hälfte schon entbehrlich war.

Der Mondschein hat dies eigen, wie uns däucht,
Er scheinet uns die Welt der Geister aufzuschließen:
Man fühlt sich federleicht,
Und glaubt in Luft dahin zu fließen;
Der Schlummer der Natur hält rings um uns herum
Aus Ehrfurcht alle Wesen stumm;
Und aus den Formen, die im zweifelhaften Schatten
Gar sonderbar sich mischen, wandeln, gatten,
Schafft unvermerkt der Geist sich ein Elysium.
Die Werktagswelt verschwind. Ein wollustreiches Sehnen
Schwellt sanft das Herz. Befreit von irdischer Begier
Erhebt die Seele sich zum wesentlichen Schönen,
Und hohe Ahnungen entwickeln sich in ihr.

Es sei nun was ihr wollt - denn hier es zu entscheiden
Ist nicht der Ort - es sei ein süßer Selbstbetrug,
Es sei Realität, es sei vermischt aus beiden,
Was diesen Seelenstand so reizend macht - genug,
Ein Schwärmer, der in diesem Stande
Mit einer Schwärmerin, wenn alles dämmernd, still
Und einsam um ihn ist, platonisieren will,
Gleicht einem, der bei dunkler Nacht am Rande
Des steilsten Abgrunds schläft. Auch hier macht Ort und Zeit
Und Er und Sie sehr vielen Unterscheid!

Die zärtlichste Empfindsamkeit
Bemächtigt unvermerkt sich unsers Mystagogen.
Der Geist der Liebe weht durch dies Elysium
Wohin er mit Aspasien aufgeflogen.
Er schlägt, indem er spricht, den Arm um sie herum,
Und schwärmt ihr von der Art wie sich die Geister lieben
Die schönsten Dinge vor, mit einem Wörterfluß,
Mit einer Glut, daß selbst Ovidius
Korinnens Kuß nicht feuriger beschrieben.
»Wie glücklich diese Geister sind!
Wie viel ein Geist dadurch gewinnt,
Daß ihn im Ausdruck seiner Triebe
Kein Körper stört! - An ihm ist alles Liebe,
Und sein Genuß ist nicht ein Werk des Nervenspiels.
Wie matt, wie unvollkommen mahlet
In unsern Augen sich die Allmacht des Gefühls!
Wenn dort ein Geist den andern ganz durchstrahlet,
Ihn ganz durchdringt, erfüllt, mit ihm in Eins zerfließt,
Und, ewig unerschöpft, sich mitteilt und genießt!
Ach! - ruft er aus und drückt (vor Schwärmen und Empfinden
Deß, was er tut, sich unbewußt)
Sein glühendes Gesicht an ihre heiße Brust -
Ach! ruft er, welch ein Glück vom Stoff sich los zu winden,
Der so viel Wonn’ uns vorenthält!«

Aspasia, in eine andre Welt
Mit ihm entzückt, und halb, wie er, entkörpert, fühlte
So wenig als ihr Freund, daß hier
Der unbemerkte Leib auch eine Rolle spielte.
Zu gutem Glück kommt ihr - und mir
Ein Rosenbusch zu Hülf’ in dessen Duft und Schatten
Sie, in Gedanken, sich zuvor gelagert hatten.

Wie weit sie übrigens in dieser Sommernacht
Es im Entkörp’rungswerk gebracht,
Läßt eine Lücke uns im Manuskript verborgen.
Nur so viel sagt es uns: Kaum war am nächsten Morgen
Das gute fromme Paar erwacht,
So wurden sie gewahr, der Weg den sie genommen,
Sei wenigstens - der nächste nicht
Um in die Geisterwelt zu kommen.
Sie sahn sich schweigend an, verbargen ihr Gesicht,
Versuchten oft zu reden, schlossen wieder
Den offnen Mund, und sahn beschämt zur Erde nieder.
Der junge Zoroaster fand,
Er habe bei dem Amt von einem Mystagogen
Sich selbst und seinen Gegenstand
Durch wie? und wo? und wann? betrogen.
Gern hätt’ er auf sich selbst, gern hätt’ auf sich und ihn
Aspasia gezürnt: allein sie fühlten beide
Ihr Herz nicht hart genug, in dem gemeinen Leide
Des Mitleids Trost einander zu entziehn.

»Freund, sprach die Priesterin zuletzt: wir müssen fliehn!
In dieser Art gilt Ein Versuch für hundert:
Wir würden immer rückwärts gehn;
Und alles was mich jetzt bei unserm Zufall wundert,
Ist, daß wir nicht den Ausgang vorgesehn.«

Und nun - was haben wir aus allem dem zu lernen?
Sehr viel zu lernen, Freund, sehr viel!
Kennt ihr den Mann, der, als er nach den Sternen
Zu hitzig sah, in eine Grube fiel?
Es war ein Beispiel mehr! Laßt’s euch zur Warnung dienen!
Auch, wenn ihr je bei Mondenlicht im Grünen
Platonisieren wollt, platonisiert allein!
Und kommt die Lust euch an, in einem heil’gen Hain
Um solche Zeit - des Stoffs euch zu entladen,
So laßt dabei (so wie beim Baden
In einer Sommernacht) ja keine Zeugin sein!

Wir zögen leicht mehr schöner Sittenlehren
Aus der Geschichte noch heraus:
Allein wir lassen gern den Leser selbst gewähren.
Wer eine Nase hat - spürt sie unfehlbar aus;
Die andern können sie entbehren!

Christoph Martin Wieland

Bekannte poetische Verse namhafter Dichter, die sich der Lyrik verschrieben haben: