Louise Aston

Nachtphantasien

Ich sah mich in Träumen der Mitternacht
Verlassen und verachtet!
Des Auges milde Glut und Pracht,
Das liebend einst über mir gewacht,
Ich sah es von Haß umnachtet!

Mir malte der irre Gedankenflug
Gestalten bleich und trübe!
Ich sah einen finstern Leichenzug;
Die Leiche, die man vorübertrug,
War uns're gestorbene Liebe.

Entflieh', du gespenstische Mitternacht!
Entflieht, ihr blassen Gestalten!
Bis der selige, fröhliche Tag erwacht,
Bis Leben und Liebe mit frischer Macht
Mich jauchzend umschlungen halten.

Wie liebt' ich die schöne, heilige Nacht,
Wenn die bösen Träume nicht wären!
Unheimlicher Geister wilde Jagd
Verfolgt mich, bis ich, vom Schlaf erwacht,
Mich bade in heißen Zähren.

Ich fühl' mich allein in der weiten Welt;
Was ich liebe, ist fremd und ferne!
Da scheint mir der Mond am Himmelszelt
Ein spähender Lauscher hingestellt,
Und Spione die ewigen Sterne!

Ich liebe die Nacht; ich liebe die Nacht!
Doch nicht die einsame, trübe!
Nein, die aus seligen Augen lacht,
In flammender Pracht, in Zaubermacht,
Die heilige Nacht der Liebe.

Es mahne der Tod mich, der finst're, bleiche,
An das Leben, das lichte, das reiche,
An den heitern Genius der Welt!
D'rum hab' ich ein knöchern Beingerippe,
Mit Crucifix und drohender Hippe,
In meiner Zelle aufgestellt.

Fest schau' ich es an bei Mondenscheine,
Wenn ich in verzweifeltem Schmerze weine,
Ein kämpfendes Kind der kämpfenden Zeit!
Dann tauml' ich empor in wildem Entzücken,
Das Leben noch einmal an's Herz zu drücken,
Bevor es vernichtendem Tode geweiht!

Ja, kühlen in frischen Lebensfluthen
Will ich der lodernden Seele Gluten!
Ich will vor Sünde und Kreuz bewahrt,
Stark durch des eigenen Geistes Ringen,
Mich aus Fesseln und Banden schwingen
Auf zu begeisterter Himmelfahrt!