Ferdinand Avenarius

Dem Vater

Ein Röcheln, ein Seufzen, noch ein Hauch,
Noch einer – nun erstarb der auch,
Und eine Stille zog ein ins Gemach,
Im Ohr nur spukt mir das Röcheln nach.
Sein Auge gebrochen, sein Antlitz leer –
Wer war das dort im Bette, wer?
Mein Vater, fünf Jahre lang hatt’s dich geplagt

Und hatte das Hirn dir im Haupte zernagt
Und hatte die Seele dir krank gejagt,
Bis sie schwach und verwirrt
Umhergeirrt –
Dies Duldergesicht da, ich deckt es zu,
Das warst nicht du! ...

Wie warst du doch? Was ging übers Land,
Seit ich dich, Vater, nicht mehr gekannt?
Statt deiner sah ein Greis mich an,
Ein müder, stumpfer, zerfallner Mann.
Wie warst du doch? Auf wallte mein Blut
Vor Schmerz nicht nur, noch mehr vor Wut,
Und ich zerdrückte die kühlen Hände:
Ist das das Ende?

Da, wie ich das Tuch dir riss vom Gesicht,
Da taumelte ich, da fasst ich’s nicht . . .
Was Du gelitten all die Zeit,
Von deinem Haupte weg war’s weit.
Doch ob du klug und fein und klar
Und vornehm gewesen und treu und wahr –
So über alles edelschön
Hatt ich dich doch noch nie gesehn!
Ja: all das Große, das ernst und gut
Dein Leben lang in dir geruht –
Zerrissen hatt‘ es allen Flor,
Auf seinen Tiefen stieg’s empor,
Dass nun von deinem Angesicht
Her leuchtete ein Seelenlicht,
Dass wir von einem erhabnen Thron
Du gütig doch neigtest deinem Sohn.

Dann zog wohl Stund auf Stunde hin,
Dass ich so bei dir gewesen bin.
Hab dir erzählt, hab dich befragt,
Und freundlich hast du mir Antwort gesagt,
Bis zwischen Sohn und Vater war
Das letzte gut, das letzte klar.
Dann gab ich dir ruhig geküsst die Hand
Und wieder mich ins Leben gewandt.