Clemens Brentano

Wiegenlied eines jammernden Herzens

O schweig nur, Herz, die drohende Sibylle,
Die dir durch deinen Frieden Wehe kreischt,
Den grimmen Geier, der dich so zerfleischt,
Bannt dir ein mildes Kind und deckt ganz stille
Die schreinde Wunde dir mit Taubenflügeln,
Weckt dir den Morgenstern auf stummen Hügeln.

O schweig nur, Herz! Horch: Klang von Engelschwingen!
Was zuckst du so? Du mußt fein leise tun.
Wo man dir singet: wie so sanft sie ruhn,
Die Seligen, dahin wird man dich bringen.
Sei still! Was schreist du? Einsam ist kein Leben,
Kein Grab. Schlaf süß, die Liebste träumt daneben.

O schweig nur, Herz, du hast ja nichts besessen,
Du läßt ja nichts zurück, wen trauerst du?
Auch deines Himmels Augen fallen zu,
Doch seiner Liebe Licht strahlt ungemessen.